ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS

MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES - FUNDUS


Ein Apothekendrama        13.03.2022

Hauptsache digital         23.01.2022

Besinnliche Feiertage         01.12.2021

Anglerlatein         07.05.2021

Jogginghosen       06.02.2021



13.03.2022



Ein Apothekendrama


Die Tochter einer Patientin hatte mir eine E-Mail geschrieben. Der Mutter ginge es immer noch nicht besser, und ich müsse mir unbedingt noch einmal ihr Bein ansehen. Das tat ich.
Weil die alte Dame nicht gut laufen kann, nehme ich nach dem Hausbesuch das ausgeschriebene Rezept gleich selbst mit, um es in der Apotheke, zwei Häuser weiter, abzugeben.
An der Verkaufstheke, die mit einer Corona-Spuckschutz-Scheibe versehen ist, wird, als ich hereinkomme, bereits ein Kunde bedient, ein dunkelhaariger, arabisch aussehender, junger Mann. Hinter dem Tresen werkelt ein hochgewachsener, Respekt einflößender Herr mit üppigem, grauem Schopf im Apothekerkittel, darunter ein weißes Oberhemd mit dunkelroter Krawatte.
So bleibe ich neben der automatischen Tür stehen, um Abstand zu wahren und warte, bis ich an der Reihe bin. Vor mir steht ein Regal mit Brennnessel-, Kamillen-, Fenchel- und sonstigen Kräutertees, in dem daneben sind Rheumasalben und Badezusätze aufgereiht. Erst nach einer Weile steigen mir die typischen Gerüche in die Nase. Mir scheint, der Apotheker führt alle seine Verrichtungen in Zeitlupe aus, er geht zwischendurch in ein Hinterzimmer, kommt wieder, aber nicht, wie ich gehofft hatte, mit einer Verstärkung, der ich mein Anliegen hätte vorbringen können. Nein, er schreitet höchstpersönlich wieder in den Verkaufsraum, tippt ein wenig feindselig auf seinem Computer herum, schaut immer wieder auf die Tablettenschachteln, die er bedeutungsvoll hinter der Scheibe hin und her schiebt. Diesem Zeremoniell zuzusehen, passt nicht in meinen Zeitplan. Eigentlich wollte ich nur schnell das Rezept der Patientin loswerden, ohne jede Beratung und ohne der Bereitstellung der Lieferung beizuwohnen.
Ich räuspere mich etwas lauter. Das erregt tatsächlich die Aufmerksamkeit der beiden Herren, sie sehen unvermittelt zu mir in die Ecke neben der Tür. Der Apotheker zieht die grauen buschigen Augenbrauen weit nach oben und beäugt mich über sein breitrandiges schwarzes Brillengestell hinweg. Auch sein Kunde sieht mich erstaunt an. In diesem Moment fällt mir auf, dass der junge Mann seine Maske als Alibi-Corona-Schutz unterhalb der Nase trägt. Ohne nachzudenken, tue ich das, was ich in der Praxis gegenüber meinen Patienten mehrmals täglich tue, ich deute mit dem Finger auf meine Nase. Und der Hinweis funktioniert auch hier: Er zieht spontan die Maske nach oben, dann jedoch, nach einer kurzen Pause des Überlegens, wieder nach unten, um sich anschließend zurück zur Scheibe zu wenden, hinter der die Tablettenschachteln aufgereiht sind. Plötzlich, wie wenn ein Unwetter hereinbräche, verfärbt sich das Gesicht des Grauhaarigen dunkelrot, ballt sich zusammen, und eine schnarrende Stimme brüllt: „Die Maske muss über die Nase!“, und man hört förmlich die versprühten Speicheltropfen in der seinigen landen. „Ich will auch nicht, dass Sie mich infizieren!“
Schockiert über so viel Aggression, schelte ich mich, nicht den Mund gehalten zu haben, schließlich geht mich diese Apotheke rein gar nichts an. Auch der junge Mann ist irritiert, zieht aber, so in die Enge getrieben, umgehend seine Maske nach oben.
„Na also, es geht doch!“, schreit der Alte immer noch.
Ich schäme mich, Auslöser dieses Eklats gewesen zu sein, habe Angst, dass sich der Junge diese Nummer nicht bieten lässt. Halblaut souffliere ich in seine Richtung: „Vielen Dank, das ist nett von Ihnen. Die Maske war sicherlich nur aus Versehen heruntergerutscht.“
Der junge Mann bezahlt, kommt auf mich zu, mir bleibt fast das Herz stehen, läuft dicht an mir vorbei und sagt im Vorbeigehen: „Entschuldigen Sie bitte.“ Erleichtert wünsche ich ihm noch einen schönen Tag. Dann gebe ich das Rezept für meine Patientin ab.
Während ich wieder den Weg zur Praxis einschlage, komme ich mir immer noch vor wie in einem Film. Ob es der falsche oder der richtige ist, weiß ich nicht. Was hat diese jetzt zwei Jahre währende Ausnahmesituation mit uns gemacht? Werden die Menschen irgendwann einmal wieder normal werden? Oder agieren wir derzeit nur mit noch mehr Eifer von unseren längst angestammten Plätzen?




23.01.2022



Hauptsache digital


Die Buchführung ist eine der ödesten Beschäftigungen, mit der ein Freiberufler gequält werden kann. Deshalb schiebe ich diese potenzierte Langweiligkeit so lange vor mir her, bis mich der Abgabetermin unwiderruflich zum Handeln zwingt. Dann erledige ich alles auf einen Ruck, und das Licht am Ende des Tunnels ist wieder ein Wochenende mit lustbetontem Zeitvertreib. Da beim Sortieren und Abheften vermutlich eine Hirnhälfte ungenutzt bleibt, machen sich die Gedanken selbständig:
Wie ein dummes Schaf bezahle ich Monat für Monat an irgendeine Firma für irgendeine Leistung der sogenannten Telematikinfrastruktur, von der ich nicht so richtig weiß, wozu sie für mich gut ist. Und aller Vierteljahre kassiert noch eine zweite Firma für etwas ähnlich Imaginäres. Würde ich das Geld aus dem Fenster werfen, wäre dieser Wurf zwar unzweifelhaft dämlich, weil schade um das Geworfene, doch an meiner täglichen Arbeit würde sich dadurch kaum etwas ändern, außer, dass wohl einige Error-Meldungen auf meinem Bildschirm ausblieben.
Die Vorstellung, dass ich mir mit der Anwendung dieser für mich undurchsichtigen Dienstleistungen, die aus einem Kästchen unter meinem Anmeldetresen kommen, undichte Stellen, fremde Ohren und Augen in mein PC-System hole, lässt mich nicht mehr los. Von denen, die die Verbindung meines Praxiscomputernetzes mit einem großen, fremden, weit entfernten Großcomputer wünschen (wer wünscht sich so etwas?), wird mir weisgemacht, dass alles ganz gefahrlos und vor allem umsonst ist, denn meine Ausgaben dafür bekäme ich wieder ersetzt.
Da fragt man sich allerdings, woher kommt diese milde Gabe? Von der Kassenärztlichen Vereinigung, die Institution, die unter anderem auch das Geld für die selbständigen Ärzte verwaltet. Das bekommt sie wiederum von den Krankenkassen. Und die sammeln es von ihren Kunden ein, die es eigentlich bezahlen, um ihre medizinische Behandlung abzusichern. Aber auch die Verwaltung und die moderne Technik kosten Geld, und woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Es gibt einen Vertrag, in dem vereinbart wurde, wieviel Geld die Ärzte von den Krankenkassen bekommen, um diese neue Technik zu kaufen. Jawohl, die Ärzte kaufen sie. Was haben die mit der Verwaltung der Krankenkassen zu tun? Eigentlich nichts, sollte man denken. Doch andere lenken.
Wer diesen Deal sofort mitmacht, bekommt fast alle Unkosten für den Einbau ersetzt, wer trödelt, bekommt im Laufe der Zeit immer weniger zurück. Vor der Installation der neuen Technik muss jedoch die praxiseigene Computeranlage bestimmte Voraussetzungen erfüllen, die geschaffen werden müssen. Wer die nicht hat, ist nicht zeitgemäß. Und wer nicht zeitgemäß ist, muss erst einmal tief in die Tasche greifen, nichts ist umsonst.
Wenn die Ärzte in den nächsten Jahren noch mehr Computerzusatzgeräte und -programme kaufen sollen, weil sich das die Krankenkassen und der Gesundheitsminister wünschen, wird neu verhandelt, wer das bezahlt. Sollte dies abermals im Vorfeld eine technische Aufrüstung der Praxen erfordern, der Fortschritte ist unaufhaltsam, ist diese selbstredend von den Praxen zu tragen.
Mitmachen müssen alle, das ist einfach Pflicht. Schließlich darf man als Kassenarzt arbeiten. Da möchten die Ärzte den Krankenkassen natürlich sehr gern einen Teil der Verwaltungsarbeit abnehmen. Diejenigen, die das Anzapfen ihres Computers ablehnen, werden mit Honorarabzug bestraft. Und das Honorar ist nicht etwa nur das Geld, das der Doktor einstreicht, sondern das, wovon alle Angestellten der Praxis ihren Lohn bezahlt bekommen, und das, womit der ganze Betrieb bestritten wird, wie Miete, Strom, Heizung, Spritzen, Instrumente, Untersuchungsliegen, Putzmittel und Klopapier. Wer also nicht mitmacht, ist angeschmiert. Vermutlich braucht aber der Telematikverweigerer viel seltener einen IT-Servicetechniker, um das anfällige, verkorkste Konstrukt wieder zum Laufen zu bringen, wenn es sich aufgehängt hat. Denn darum, dass alles funktioniert, muss sich jede Praxis selbst kümmern.
Die Leute, die sich die Telematik wünschen, sind auch der Meinung, dass für die mitgelieferten Datenleckstellen derjenige verantwortlich ist, der die Technik anwendet. Weder der Hersteller, noch diejenigen, die die Anwendung fordern, fühlen sich für die Datensicherheit verantwortlich.
Aus meiner Sicht ist dies dasselbe Prinzip, wie wenn die Patienten für die Nebenwirkungen der Medikamente, die sie einnehmen, verantwortlich gemacht würden. Und derjenige, der die Medikamente nicht einnähme, müsste Strafe zahlen.
Ich komme mir jedenfalls ziemlich ausgeliefert dabei vor. Den niedergelassenen Ärzten wird ein unausgereiftes System aufoktroyiert von Entscheidungsträgern, die vermutlich von der digitalen Welt genauso viel Ahnung haben, wie ich, also fast keine.
Eine Steigerung dessen ist das elektronische Rezept und die elektronische Arbeitsbefreiungsbescheinigung. Einige ältere Patienten haben, nachdem sie davon in der Zeitung gelesen hatten, bereits ganz ängstlich gefragt, ob sie ihr Rezept auch ohne Smartphone bekommen können, sie wollen so ein Ding nicht haben. Und den Einnahmeplan bitte auf Papier, sonst wüssten sie überhaupt nicht mehr, wie sie ihre Medikamente einnehmen sollen. Seitdem in der Apotheke des Öfteren Austauschpräparate abgegeben werden, ist es für viele ohnehin schon unübersichtlich geworden. Es ist vorgekommen, dass Patienten den Rest der Pillen von der bisherigen Pharmafirma, die sie noch zu Hause hatten, zusammen mit dem gleichen Medikament, das die Apotheke diesmal mit dem einer anderen Firma ersetzt hat, eingenommen haben, also die doppelte Dosis. Ich bin jedes Mal sehr erleichtert, wenn es der Patient schadlos überstanden hat.
Die Krönung der digitalen Verknüpfung soll die elektronische Patientenakte sein. Damit ist nicht die praxiseigene Krankenakte des Patienten gemeint. Diese Dokumentation läuft seit Jahren ausschließlich elektronisch, die praxisinternen Abläufe sind wunderbar vernetzt zwischen den einzelnen Behandlungsräumen und Mitarbeitern, und standardisierte Abläufe helfen, Fehler und Informationsverlust zu vermeiden. Nein, das ist Technik, die begeistert, weil sie hilfreich ist und immer wieder genau unseren Praxisabläufen angepasst werden kann.
Diese neue elektronische Patientenakte existiert außerhalb der Praxis, außerhalb des geschützten Raumes, in dem Dinge besprochen werden, um die nur Arzt und Patient wissen.
Die Idee, dass jeder Patient immer seine Gesundheitsdaten wie Krankengeschichte, Diagnosen, Medikamente, Allergien und Impfungen zur Verfügung hat, ist eigentlich gut. Wenn ein fremder Arzt oder ein Krankenhaus plötzlich diese Informationen für eine Behandlung brauchen, wäre sofort alles verfügbar.
Wie von den Krankenkassen verkündet, solle der Patient selbst entscheiden, wer in seine Daten der elektronischen Patientenakte einsehen kann. Wenn er möchte, kann er diese bei seiner Krankenkasse beantragen und erhält von dort eine App für das Smartphone oder Tablet.
Für das erstmalige Befüllen der Akte bekommt der Arzt zehn Euro. Es gibt Patienten, die seit Jahrzehnten in meiner Behandlung sind, da gibt es viel zu befüllen. Einfach mal so zwischendurch eine halbe Stunde Verwaltungsarbeit für die Krankenkasse statt Behandlungszeit? So stelle ich mir meine Arbeit nicht vor. Aber vielleicht funktioniert es wider Erwarten zauberhaft. Ich werde mich überraschen lassen müssen.
Die dann auf der Karte oder in der App gespeicherten Dokumente des Arztes werden zuerst bei externen Providern zwischengespeichert, bevor sie letztendlich in einer zentralen Datenspeicherung landen.
Und da kommt niemand an die Daten? Wenn jemand irgendwann im Leben eine Krankheit hatte, wen geht das etwas an? Soll die Menschheit wissen, dass Frau Müller Menstruationsbeschwerden oder Herr Meier eine vergrößerte Vorsteherdrüse hat? Beides ist auf den ersten Blick nicht sonderlich dramatisch. Jedoch in einer Zeit, in der Gesundheitsdaten von Prominenten zum Allgemeingut gemacht werden, ist es kaum zu glauben, dass die Daten von allen anderen in einer verschlossenen Kiste bleiben. Eine Bank oder eine Versicherung könnten schon daran interessiert sein, wie lange es der Kunde noch macht. Oder ein Arbeitgeber könnte wissen wollen, ob der Bewerber für einen verantwortungsvollen Posten irgendwann einmal Alkohol- oder Drogenprobleme hatte.
Momentan ist die Vollendung der beschriebenen digitalen Anwendungen in meiner Praxis ins Straucheln gekommen. Meine Softwarefirma war einem Hackerangriff zum Opfer gefallen ist. Sie ist momentan noch mit der Schadensbegrenzung befasst. Die Einbindung von elektronischer Arbeitsbefreiung und e-Rezept funktioniert nicht. Alle Passwörter sind geändert, und alle Patientendaten sind noch ausschließlich auf meinem Praxiscomputer.
Alle beteuern, dass das neue Telematik-System dann richtig sicher ist.
Kürzlich ich habe ich ein Buch gelesen, in dem der Autor von seiner Lebenszeit im Russland der Nachkriegszeit in anschaulicher und erschütternder Weise berichtet, von Erlebnissen, die der Mensch der heutigen Zivilisation kaum noch nachvollziehen kann und die von der Jetztzeit Lichtjahre entfernt zu sein scheinen. Wenig oder halb gebildete, herrschsüchtige Natschalniks setzten auf teils widersinnige Art Anweisungen durch, die jedem normalen Menschenverstand widersprachen, ohne sie auch nur im Geringsten kritisch zu hinterfragen. Befehl war Befehl, einerseits, um seine Haut zu retten, und andererseits, um im System höhergestellten Machthabern devot zu sein und die eigene Karriere zu bahnen.
Diese Art der Machtausübung, oft mit Ignoranz der eigenen Verantwortung, war ebenso ein Teil der ostdeutschen Geschichte.
Was haben wir von den Überlieferungen aus vergangenen Zeiten gelernt?
Ich fange meine auf Abwege geratenen Gedanken wieder ein und hefte den Rechnungsbeleg der Digitalfirma hinter meinen Kontoauszug.
Nächster Posten: Ärztekammerbeitrag.



01.12.2021  



Besinnliche Feiertage


Ab Oktober beginnt alljährlich die magische Zeit, in der ein Folgetermin in drei Monaten etwas Einschneidendes ist. „Dann sehen wir uns vor Weihnachten gar nicht mehr! Eigentlich kann man es noch nicht sagen, aber ich wünsche doch schon besinnliche Feiertage und ein gutes neues Jahr.“

Täglich unzählige Male bedanke ich mich artig für die gutgemeinten Wünsche.

Eine Steigerungsform ist das Verschwörerische „Na, ich komme vor dem Fest noch einmal vorbei.“

Das meinen die lieben Patienten wirklich ernst. Sie bringen Päckchen mit Kaffee, Konfekt und selbstgebackene Plätzchen. Und wenn sie nun einmal da sind, haben sie ganz schnell noch eine Frage, wie: „Muss das mit den Tabletten wirklich so bleiben?“ Oder: „Können Sie sich das mal schnell ansehen, ich hatte es das letzte Mal vergessen … Ach ja, und besinnliche Vorweihnachtszeit noch.“

Es herrscht tatsächlich Endzeitstimmung. Bevor die Null-Zeit der Feiertage anbricht und das alte Jahr vollends verschwindet, muss unbedingt der bereits regelmäßig verordnete Medikamentenvorrat aufgefüllt werden, man weiß ja nie, wie das nach dem Jahresende läuft. Oder die seit Jahren bestehenden Rückenschmerzen müssen abgeklärt werden, weil man sich das für dieses Jahr vorgenommen hatte, und nun ist das vertrackte Jahr plötzlich fast vorbei. Richtig Gucken geht auch nicht mehr, Brille stand ebenfalls auf der Agenda, schrecklich, man bekommt keine kurzfristigen Augenarzttermine, wo soll das noch hinführen mit diesem Gesundheitswesen. Und dann gibt es noch das Bonusheft, das unbedingt im alten Jahr abgestempelt werden muss.

An einem Montag mitten in der frohen Vorweihnachtszeit erreichte ich einundzwanzig Uhr nach überbordender Spätsprechstunde mein trautes Heim. Endlich geschafft. Mantel an die Garderobe hängen, Schuhe aus, Katze füttern. Es klingelt. Sicher meine Nachbarin, die eine Postsendung für mich angenommen hat. In Erwartung einer freundlichen Begegnung reiße ich die Haustür auf. Jedoch davor steht ein Mann, der nicht hierher passt. Kurz hinter ihm eine Frau mit blondem Dutt. Es dauert eine Weile, bis ich mich in der Situation zurechtfinde. Der Mann hat an seinem Gürtel das Langzeit-Blutdruck-Messgerät, auf das er immer wieder wütend einschlägt: „Sehen Sie sich das an! Hundertachtzig zu hundert!“

Immer noch sprachlos stehe ich in meinem Flur.

Der Mann drängelt sich herein, winkt seine Frau hinterher, ob sie denn draußen anfrieren wolle. Diese Leute gehören nicht in meinen Flur!

„Hier! Jetzt zeigt es hundertfünfundneunzig zu hundertzehn! So ein Scheißding. Das können Sie gleich hierbehalten!“

Die Katze miaut kreischend mit buschigem, zuckendem Schwanz. Das Klingeln hatte das Futternapf-Füllen unterbrochen. Sie kann den Besuch offensichtlich überhaupt nicht leiden.  

„Meine Hausbesuchstasche habe ich so spät am Abend nicht aus der Praxis mitgebracht“, kann ich endlich dem ungehaltenen Bluthochdruckpatienten gestehen, und mir fällt mit Schrecken ein, dass ich nicht einmal meinen Rettungskoffer dabei habe, weil das Auto heute in der Werkstatt war und ich nicht daran gedacht hatte, ihn wieder in den Kofferraum zu packen. Ich habe nicht im Entferntesten irgendein Mittelchen im Haus. Ganz kurz kommt mir der Gedanke, schnell in die Praxis zu fahren, um etwas zu holen. Soll ich die Patienten so lange auf mein Sofa bitten? Außer der Katze war niemand zu Hause. Nach der Medikamentengabe könnten wir, um die Wirkung abzuwarten, gemeinsam zu Abend essen. Nein. So spät isst man nicht, das kann ich keinem zumuten.

„Zweihundert zu hundertfünfzehn! Ich gehe zu Ihrem Kollegen Dr. S., der wohnt gleich hier um die Ecke!“

Mir gelingt es, meinem Kollegen den Feierabend zu retten, werfe den Vorschlag Bereitschaftsdienst ein. „Da fahre ich lieber gleich ins Krankenhaus!“ Und verschwunden ist er, im Schlepptau die blonde Frau.

Ich füttere die Katze und habe ein schlechtes Gewissen. Bin wohl doch kein richtiger Hausarzt von altem Schrot und Korn. Der Gedanke verfolgt mich bis in den Schlaf.  

Am Morgen empfangen mich meine Helferinnen hektisch. Das Langzeitblutdruckgerät wurde nicht zurückgebracht und der nächste Patient wartet darauf.

Ich erzähle ihnen meine Gute-Nacht-Geschichte.

Die Ehefrau mit dem blonden Dutt hatte bereits ihren heutigen Termin telefonisch abgesagt, sie käme lieber zusammen mit ihrem Mann, der sei im Krankenhaus, in der Geriatrie. Unser Blutdruckgerät auch. Es war einer der Arbeitstage, die lieber ausfallen sollten.   

Am Nachmittag besuchte ich meine Hundertjährige, deren achtzigjährige Tochter war gerade beim Plätzchen backen und ärgerte sich über den krümligen Teig, der sich einfach nicht kneten ließ. Ihr Blutdruck war heute nicht Anlass des Hausbesuchs, nur der der Mutter. Dabei beließ ich es auch, obwohl ich mit einer gut bestückten Tasche ausgerüstet war.

Vielleicht wird der Teig mit einem Schluck Milch wieder geschmeidig, schlug ich vor.

Gute Idee, fand sie. Wenn es gelänge, brächte sie mir natürlich eine Keks-Kostprobe vorbei.

Dann nur noch Erna W., vierundneunzig. Wieder erzählt sie, dass sie es als Vertriebene hierher verschlagen habe, und dass von ihrer Familie keiner mehr da ist. „Doch die Erna hat so viel Glück im Leben abbekommen“, sagt sie jedes Mal, „das Wichtigste ist es, gute Menschen um sich zu haben, und das habe ich.“ Und weil sie mich für eine solchen hält, umarmt sie mich auch heute.

„Frohe Weihnachten und seien Sie dankbar, dass es Ihnen so gut geht.“   



07.05.2021



Anglerlatein


Das letzte Mal angeln war ich mit zwölf. Unsere Angelruten waren Haselstöcke, an die wir die Sehne angeknotet hatten. An deren Ende baumelte der Haken, an dem wir aufgespießte Regenwürmer im See badeten. Oft waren die Würmer einfach verschwunden. Entweder hatten sie sich unbemerkt von dannen gemacht oder ein Fisch hatte sie heimlich abgeknabberte, ohne dass wir es bemerkt hatten. Unsere Fangerfolge waren dementsprechend bescheiden, dennoch ungeheuer schmackhaft. Das Grätenklauben während des Abendessens machte niemandem etwas aus, denn die Fische aus dem Mecklenburger See waren frisch und unbelastet.

Niemals jedoch wäre jemand auf die Idee gekommen, einen Fisch aus der Elbe, geschweige denn aus der Saale zu essen. Und auch jetzt, da die Flüsse seit vielen Jahren wieder richtiges Wasser und keine chemische Lösung mehr führen, würde mich nichts auf der Welt locken, einen dieser Flussfische zu verspeisen. Man weiß nie, was die Tiere beim Gründeln alles aufwühlen. Manch passionierter Angler sieht das allerdings völlig leidenschaftslos. Stundenlang hocken sie lauernd mit ihren Klappstühlchen am Flussufer.

Einer derer lag jetzt auf meiner Liege, mit dem Gesicht nach unten. Sein Impfstatus war überprüft, sein Gesäßbefund bereits dokumentiert, und das war kein schöner Anblick. Mitte auf der Rundung der Pobacke steckte der Angelhaken, der eigentlich mit großem Schwung über den Fluss hatte fliegen sollen. Startgehemmt. Die Frage, wer oder was da vorher am Haken war, ließ die Situation keinesfalls entspannter erscheinen. Was tun? Das Ding wieder zurückziehen geht nicht, liegt in der Natur eines Angelhakens, das Opfer soll festhängen. Durchziehen geht auch nicht, weil sich das Ende zu einer kantigen Öse zum Befestigen der Angelsehne verdickt. Bleibt nur, den Haken zu durchtrennen. Und wie? In der Praxis gibt es höchstens Nagelzangen. Die hätten zum einen nicht genug Biss, zum anderen wäre das Instrument danach nicht mehr zu gebrauchen. Der kleinchirurgische Eingriff wird mit 6,26 € vergütet, die Eckenzange kostet ein Vielfaches. Ist es ethisch, solche Überlegungen anzustellen? Soll sich der Patient mit einer Überweisung und dem Angelhaken im Hintern in das nächste, ins chirurgische, Wartezimmer „setzen“? Das Hausfrauendenken in mir entschied sich für die Kombizange aus dem Werkzeugkasten: Haken durchtrennt, und schwupps war er draußen. Tatsächlich war die Verletzung nach kühlenden, feuchten, desinfizierenden Verbänden nach einigen Tagen vollständig verheilt, nur eine kleine rosa Narbe erinnerte noch an die missglückte Jagd auf einen Flussfisch. Nur beim FKK muss sich der Angler vielleicht dumme Fragen gefallen lassen.



06.02.2021



Jogginghosen


Der Herbst hat begonnen, es ist regnerisch und windig. Wenn ich die Praxis verlasse, ist es oft schon dunkel. Unwiderruflich ist für dieses Jahr die Zeit des Schwimmens im See vorbei. Schade. Es ist nicht nur die sportliche Betätigung, die ich genieße, es ist die Atmosphäre am See, die Stille, und es sind die Vögel und die Fische, mit denen ich mir diesen Ort teile. 

Spätestens im Frühjahr fällt mir auf, dass ich eine lahme Ente geworden bin. Die Schwimmhalle einmal in der Woche ist kein angemessener Ersatz. Es ist dort laut und hektisch, oder rücksichtlose Bahnenschwimmer mit Kappe und Brille erzwingen sich ihr Terrain.

Man könnte laufen. Doch bis jetzt war dies für mich eine der ödesten Sportarten überhaupt, dumpfes Vorwärtstrampeln. Was allerdings dafür spricht, ist der minimale Aufwand. Ich habe es schnaufend versucht. Und als der Herbst vorbei war, bin ich weiter gelaufen. Je nachdem, wo ich entlang trabte, traf ich Rehe, Waschbären, Schwäne, Hasen, und ich begann, es zu genießen.

Als es Dezember wurde, musste ich feststellen, dass meine Gymnastikklamotten nicht so richtig witterungskonform waren. Bei meinen Recherchen im Internet, zu einer Reise zum Sportgeschäft konnte ich mich nicht durchringen, kam ich zu der Erkenntnis, dass man den Kauf einer Jogginghose höchst wissenschaftlich angehen kann. Bis jetzt hatte ich einfach meine Sporthose angezogen und war losgerannt. Wie banal. Da ich keinen Marathon absolvieren, sondern mich einfach nur bewegen wollte, war mir die Multifunktionalität irgendwelcher Superhosen ziemlich schnuppe. Bewertungen zu verschiedenen Kleidungsstücken ließen mich jedoch ahnen, dass man diesen Kauf nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. So redete ich in meiner Einfalt seit Jahren meinen Patienten ein, man könne doch nach der Arbeit einfach zwanzig Minuten laufen. Argumente wie „keine Zeit, zu dunkel, zu gefährlich, zu einsam“ versuchte ich zu entkräften, nichtsahnend, dass das eigentliche Problem mit der Auswahl der Hose beginnt.

Dann endlich stieß ich auf das für mich passende Modell, las die Bewertung von Mandy: „Super flauschige Hose, mit der man im Winter auch mal rausgehen kann, wenn man schnell mit der Joggi nur zum Bäcker will.“ Sofort fielen mir die jungen Männer ein, die in der Jogginghose in die Praxis kommen. Regelmäßig wundere ich mich darüber, was ganz normale, freundliche Menschen dazu bewegt, in diesem Schlumpi-Aufzug zum Arzt zu gehen. Kürzlich stieß ich auf ein Zitat von Karl Lagerfeld: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Da ich mit der meinigen zwar nicht zum Bäcker, sondern in den Wald gehen wollte, habe ich mich dennoch für jenes von Mandy favorisierte Modell entschieden.

Gestern nun lief ich gemeinsam mit meiner nicht-multifunktionalen Hose aus dem Online-Versand am Feldrain entlang. Schon von weitem sah ich eine Silhouette im dynamisch, locker federnden Laufstil auf mich zukommen. Solche Begegnungen beschämen mich ein wenig, weil sie mir jedes Mal auf schmerzliche Weise zeigen, dass ich am ehesten zur Sorte der bleiernen Lauf-Enten gehöre. Als der dynamische Läufer näher kam, erkannte ich zu allem Übel, dass es einer meiner Patienten war. Jetzt dürfte er achtundsiebzig sein, vor schätzungsweise zehn Jahren hatte ich ihm zu mehr Bewegung geraten. Damals war er besorgt, ob das seinem alten Herzen auch nicht schaden würde. Später hat er mir stolz berichtet, dass er zwei- bis dreimal pro Woche einige Kilometer liefe und seitdem keine Herzbeschwerden mehr habe.

Ich guckte ein bisschen nach unten, hatte zuvor meine Mütze tiefer ins Gesicht gezogen, und hoffte, er würde mich nicht erkennen. Schon war er an mir vorbeigelaufen. Doch dann hielten die Schritte hinter mir inne. Er rief: "Guten Tag, Frau Doktor! Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht gleich gegrüßt habe, ich war so in Gedanken." Ich drehte mich um, lächelte, und er riss zum Gruße noch einmal die Arme nach oben, bevor er seine Weg fortsetzte.

Jetzt ist die Ente entlarvt. Vermutlich ist ihm mein lahmes Gewatschel überhaupt nicht aufgefallen. Ein Trost bleibt mir: Nicht alle Ratschläge treffen auf taube Ohren. Er wäre vielleicht auch ohne diese gelaufen. Doch ich lasse mir die lllusion, etwas bewirkt zu haben. Bei einem von hundert. 


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