ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


 LEGENDEN AUS MERSEBURG


1.  Otto                                            

2.  Eine Legende vom Krummen Tor


Otto

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Wer glaubt, ein Mäuseleben sei kurz und langweilig und drehe sich nur ums Fressen, der kann mit dem Lesen genau an dieser Stelle aufhören. Währenddessen sitzt die Maus Otto auf der Mauer der Domfreiheit und verrät uns, dass diese seit über tausend Jahren die Domburg begrenzt, in der Könige, Kaiser, Bischöfe und Domherren mit ihrem Gefolge residierten. Doch warum Domfreiheit? Weil für alle, die innerhalb dieser Mauern lebten, ein eigenes Recht galt, und sie waren frei von der Steuerpflicht der sie umgebenden Stadt. Die Domburg war ein Staat im Staate. Woher weiß das ausgerechnet eine Maus? Lassen wir sie ihre Geschichte erzählen:

Mein Vater namens Heinrich ist an allem schuld. Er war beseelt von der Idee, die Wiedergeburt Heinrichs I. zu sein, desjenigen, der vor mehr als tausend Jahren König des ostfränkischen Reiches war und von der Geschichtsschreibung als erster deutscher König bezeichnet wird. Meine Mutter nannte er seine Königin Mathilde, und niemand in der Verwandtschaft wusste mehr, ob sie tatsächlich so hieß. Es war genug, dass sie ihren Heinrich liebte.
Jahre später, nachdem ich schon unzählige Bücher in mich hineingefressen hatte, und zwar lesender- und nicht nagenderweise, erfuhr ich, dass die erste Frau des wahren Heinrich I. eine gewisse Hatheburg war. Deren Vater Erwin, ein äußerst begüterter Adliger, dem wohl auch die Altenburg in Merseburg gehörte, verstarb kurz nach der Heirat seiner Tochter. Damit hatte sich die Ehe Heinrichs mit Hatheburg wahrlich gelohnt. Das Erbe seiner Gemahlin ermöglichte ihm die Gründung der Königspfalz in Merseburg. Drei Jahre später ließ er sich scheiden, und Hatheburg ging wieder zurück ins Kloster. Ihr Erbe behielt er für sich. Danach ehelichte er die Adlige Mathilde und erweiterte damit seinen Machtbereich. Sie gebar fünf Kinder und wurde nach Heinrichs Tod als Heilige verehrt. Der erstgeborene Sohn des Königspaares war Otto, der von Heinrich zu seinem Thronfolger bestimmt und später sogar zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt wurde.
Und jetzt kommt mein Schicksal ins Spiel, der ich als erster Sohn meiner Mäuseeltern Heinrich und Mathilde ebenfalls Otto genannt wurde.
Auch einige meiner Geschwister erhielten eigentümliche Namen, wie Gerberga, Hadwig, Brun oder Thankmar, aber keine Maus interessierte sich dafür. Nur mich hänselten die anderen Mäuse der Domstraße mit blöden Sprüchen wie: flotter Otto auf dem Kaiserthron!
So tat ich das, was vermutlich auch meinen Vater auf seine verrückten Ideen gebracht hatte. Ich saß in der Domstiftsbibliothek und las alles, was ich entziffern konnte. Aus losen Blattsammlungen, nur in Pergament eingeschlagen, Urkunden und Dokumenten erfuhr ich, wann welches Haus erbaut oder verkauft wurde, wann und zu welchem Preis es renoviert werden musste und worüber Gericht gehalten wurde. Es gab Bücher über Theologie, Recht und Wissenschaft, einige waren sogar handgeschrieben, denn in den Skriptorien der Klöster, den Schreibstuben, wurden nicht nur neue Werke verfasst, sondern auch ausgeliehene Bücher abgeschrieben, um sie dann in der eigenen Bibliothek vorrätig zu haben. Einige könnten sogar aus der Zeit König Heinrichs I. stammen, der nicht nur die Merseburger Königspfalz gründete, sondern auch die Johanniskirche errichten ließ, die Vorgängerin des Domes, aus deren Bibliothek wohl ein Taufgelöbnis aus dem 10. Jahrhundert stammt, das wiederum zuvor dem Kloster Fulda gehört haben soll.
Doch am liebsten schaute ich mir die Aufschwörtafeln an, leuchtend farbige, kunstvoll verzierte Wappendarstellungen der Herkunftsfamilien der Domherren. Die Bewerber für dieses hochgeachtete Amt mussten damit ihre adlige Abstammung nachweisen und dies in einem Ritual beschwören. Während ihrer Amtszeit wurden sie vom Domkapitel entlohnt und mit Privilegien ausgestattet. Nach ihrem Tod hinterließen die Domherren dem Domstift einen Teil ihres Erbes, nicht selten sogar die gesamte Bibliothek.

Ich saß also in den düsteren Gewölben des Domstiftsarchivs in der Domstraße Nummer 12 auf dem fast einen halben Meter breiten Fenstersims, der den dicken Feldsteinmauern aus dem 18. Jahrhundert geschuldet ist. Das Haus heißt Curia Procuraturae, die Kurie des Procurators, heute würde man ihn Verwalter oder Prokurist nennen. Domkurien sind die Häuser, in denen vormals die Domherren gewohnt haben. Wenn man aufmerksam durch die Domstraße, die Grüne Straße, über den Domplatz oder die Dompropstei geht, kann man weitere Kurien entdecken.
Von meinem Fensterplatz aus erblickte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite den Turm des Krummen Tores, einem Teil der Befestigungsanlage der Domfreiheit. Den Menschen, die direkt an meinem Fenster vorbeiliefen, sah ich auf den Bauch, weil der Fußboden des alten Hauses unterhalb des Niveaus der Straße liegt. Der Raum war dicht an dicht, nicht nur an den Wänden, mit Regalen vollgestellt, die lediglich einen schmalen Gang dazwischen freiließen und deren Bücher mich so in den Bann zogen, dass mich Mensch und Maus da draußen kaum interessierten.

Curia procuraturae

Eines Tages entdeckte ich inmitten der Berge von Schriftstücken die Zaubersprüche, so wie es diesem Dr. Waitz geschehen sein muss, der vor 180 Jahren zu einem Studienaufenthalt in Merseburg geweilt hatte und dabei unter den für die Bibliothek als unbrauchbar aussortierten Büchern in einer über tausend Jahre alten theologischen Schrift auf die beiden Zauberformeln gestoßen war. Sie sind in althochdeutscher Sprache verfasst und vermutlich ebenfalls über tausend Jahre alt. Eine ist ein Zauberspruch zur Befreiung von Gefangenen, die andere ein Zauber für die Heilung der Beinverletzung eines Pferdes. Es war sensationell! Was hat der germanische Gott Wotan, der hierin angerufen wird, in einer kirchlichen Schrift zu suchen? Und Sinthgunt und Sunna und die zaubernden Idisen? Germanische Gottheiten haben versteckt in einer christlichen Gebetssammlung die Zeiten überdauert.
Ein langer Studiertag macht hungrig, doch die anderen Mäuse hatten längst die weggeworfenen Pausenbrote vom Schulhof der Goetheschule erobert. Da half nur, in die Schlacht zu ziehen, ganz im Sinne meines Namensvetters Otto I. Dieser hatte einerseits seine Familie und den Adel des Landes erzürnt, weil er auf der Unteilbarkeit des Königreiches beharrte, und andererseits kämpfte er gegen die Ungarn und die Slawen. Die berühmteste seiner Schlachten ist die auf dem Lechfeld, unweit von Augsburg. Dort soll Otto I. die Ungarn besiegt haben und danach als Retter der Christenheit geehrt und als Herrscher des Reiches geachtet worden sein. Vor der Schlacht habe er gelobt, im Falle eines Sieges in Merseburg ein Bistum zu Ehren des Heiligen Laurentius zu gründen. So gab er sich gottesfürchtig und setzte sich selbst ein Denkmal. 

Mein Magen knurrte immer lauter. Im Hinterhaus wohnte ein kampflustiger Kater mit seiner alten Dame, die ihm regelmäßig die Mahlzeit unter dem Dachüberstand servierte. Wie sie ihn nannte, wusste ich nicht. Für mich hieß er Bulcsú, genauso wie der Anführer des ungarischen Heeres, das Otto I. mit seinen Mannen auf dem Lechfeld geschlagen hatte. So schien es mir unvermeidlich, dass auch ich aus der Schlacht um das Katzenfutter siegreich hervorgehen würde.


Hinterhaus Curia Prucuraturae, Domstraße 12

Irgendwann, ich hatte es mir gerade auf meinem Stammplatz gemütlich gemacht, kreuzten Leute mit Mappen und großen Kisten auf. Am Hinterhaus machte sich ein Bagger zu schaffen. Dann waren meine Bücher in den Kisten, das Hinterhaus und der Kater samt Futter verschwunden.

Abriss Hinterhaus Domstraße 12

Obdachlos geworden, trieb ich mich in der Stadt und auf dem Domplatz herum. Meine Curia Procuraturae wurde hübsch renoviert, ebenso die Kurien Sigismundi und Simonis et Judae in der Nachbarschaft. 

Curia Sigismundi

Curia Simonis et Judae


Alles keine guten Plätze für Mäuse mehr. Und nirgends Bücher! Mir sicher, dass ich jetzt verblöden würde, lag ich im Kreuzgang des Domes herum und glotzte an die Decke. Wie aus weiter Ferne hörte ich eine zarte Stimme. Hallo, ich bin Edgitha, kann ich dir irgendwie helfen? Edgitha war die erste Gemahlin des wahren Otto I., und ich fragte mich, ob ich nun restlos verrückt oder schon tot war. Doch die freundlichen schwarzen Knopfaugen des Mäuschens, die mich ansahen, ließen mich vermuten, noch im Diesseits zu sein.

Kreuzgang des Domes

Edgitha kannte herrliche Orte, erschloss mir ungeahnte Futterquellen und wusste, wo es Bücher gibt! Sie führte mich in das Kapitelhaus, früher der Versammlungsort der Kirchenherren, jetzt sind darin  die wunderschönen Aufschwörtafeln und prächtige Bischofsgewänder zu bestaunen, ein ganzer Saal ist mit den Wappen der Herrscher und Bischöfe ausgemalt. Durch die Hintertür gelangt man in einen beschaulichen Terassengarten mit Obstbäumen und duftendem Lavendel. Und Edgitha fand ein Schlupfloch in das Gewölbe, in dem jetzt die wertvollen Handschriften und sogar die Merseburger Zaubersprüche zu sehen sind. Ich war glücklich.
Wäre da nicht etwas Eigenartiges passiert. Die Menschen trugen plötzlich Masken vor Mund und Nase, es kamen nur noch wenige zum Dom, irgendwann niemand mehr. Ohne Menschen gab es nichts Fressbares. Was ist nur los mit ihnen? Sind sie krank?
Ich konnte mich vage an ein Buch der Domstiftsbibliothek erinnern, auf dem schwungvoll Nuclus medica geschrieben stand, oder hieß es Nucleus medicinae? Jedenfalls war es beim Ausräumen in einer der Umzugskisten verschwunden. Vielleicht hätte es mir jetzt verraten, wo diese Erscheinung herrührt.

Meinen Gedanken nachhängend lief ich die Domprobstei gen Süden, vor der Curia Martini bog ich links ab zu den Domstufen.

Plötzlich fiel mir an der rechten Mauerseite ein eigenartiger Stein auf. Er sah aus wie ein Vogel mit spitzem Schnabel, einer Haube auf dem Kopf, und sein Gefieder verdrehte sich nach oben zu einer Spirale. Oder trug er etwas auf dem Rücken? Oder war es eine Schnecke? Völlig fasziniert von meiner Entdeckung kletterte ich an der Mauer nach oben. Kaum hatte ich diesen besonderen Stein berührt, wurde ich durch die Spirale, immer schneller werdend, herumgewirbelt und landete in hohem Bogen unsanft auf der anderen Seite der Mauer unter einem Nussbaum mitten in dem verwilderten Garten, der sich vom Domberg bis hinab zur Saale erstreckt.

Stein in der Mauer an der Domprobstei

Mein Schädel brummte. Vom Fluss stiegen Nebelschwaden herauf. Ein unheimliches Raunen und Sirren legte sich auf meine Ohren. Es war, als ob der Nebel Gestalt annähme und Frauen in wehenden Gewändern um den Baum tanzten. Das Sirren wurde zum Gesang:

Traum, Baum, Walnussbaum,
walle, walle, Walenuss,
Nuss mit Nukleus,
hieb drauf ein,
rieb drauf hin.
Hieb und rieb auf Nukleus,
rieb oh hin auf Nuklein,
Ribonuklein.
Ganz klein.
Hinein.
Sunna sprach 's kam von Wuhan,
Sinthgunt, die Schwester, bittet Wotan,
den Sonnenkranz zu entzweien
und die Menschen von Corona zu befreien.
Mit Gesängen wie diesen
flehen die Idisen
den Zauber zu erschließen,
entschlüsseln,
Entschluss,
hemmen das Virus,
und nesteln an den Fesseln,
zu entspringen
den Banden.

Wie betäubt lag ich unter dem Nussbaum. Die Nebel hatten sich verzogen, Sonnenstrahlen drangen durch das Dickicht. Langsam taumelte ich aus dem Garten zurück zur Domprobstei.

Eine Hochzeitsgesellschaft stieg die Domstufen herauf, alle hatten freie Gesichter, ich konnte sie lächeln sehen. Waren die Menschen plötzlich geheilt?
Lediglich die Braut war mit einem dem Kopf anliegenden Schleier bis zum Halse verhüllt, ein darüber getragener, mit Perlen bestickter rotsamtener Reif zierte ihr Haupt. Das weite, fließende Gewand erinnerte mich an Adelheid von Burgund, die zweite Gemahlin Ottos I. Der Bräutigam jedoch war gekleidet wie ein Herrscher der Jetztzeit, trug Businesshose und Slim-Fit-Sakko. Das Paar mutete an wie eine Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, von Wissenschaft und Erfahrung, von Berechnung und Mildtätigkeit.

Domstufen

Die Maus Otto gelobte, dieses Wunder aufzuschreiben.
Doch wo ist solch eine Schrift in der Bibliothek aufzubewahren? Unter M wie Maus, unter G wie Geschichte oder Z wie Zauber?








Eine Legende vom Krummen Tor


Dort, wo in Merseburgs Innenstadt ein deutlicher Schnitt zwischen neuem Stadtzentrum und altem Gemäuer aus herzoglicher Zeit sichtbar ist, beginnt die Domstraße. Kopfsteingepflastert führt sie den Domberg hinauf, vorbei an den ehemaligen Domkurien.

Bevor sie das Krumme Tor durchquert, teilt sie sich in einen oberen und einen unteren Verlauf.

Der obere Teil steigt nach dem Krummen Tor weiter an und erreicht am höchsten Punkt den Domplatz. Gegenüber der Straßenmündung prangt das Portal des berühmten Merseburger Domes.

Der untere Ast der Domstraße führt wieder hinab vom Berg und mündet in die Brauhausstraße.

Genau gegenüber der Gabelung, an der sich die Domstraße nach oben und unten teilt, liegt das Haus Nummer 10, die Curia Sigismundi.

In eben dieser hatte ich vor geraumer Zeit Logis genommen.

Es war am ersten Mittwoch nach Frühjahrsanfang.

Nach meiner Rückkehr vom so verheißungsvoll begonnenen Tageswerk hatte ich die gesellschaftsträchtige Robe sofort auf das Bett geworfen. Der Wind heulte um die alten Mauern und trieb am Himmel dicke schwarze Wolken vor sich her. An Schlafen war nicht zu denken, in meinem Kopf arbeitete und ratterte es noch. Das Schlimmste war, dass ich mich über mich selbst ärgerte.

Ich ging hinüber in den Salon, zündete die Kerzen an, schenkte mir einen Becher Wein ein und suchte nach Lektüre, die mich hätte ablenken können. Aber die Gedanken kreisten immer wieder um die vermasselte Unternehmung. Verdammt noch mal! Am liebsten würde ich alles hinschmeißen!

Zornig grollend warf ich mir meine Jacke über die Schultern und verließ wutschnaubend und zutiefst gekränkt die Herberge, um das ganze Elend dieser Welt einem Nachtspaziergang anzuvertrauen.

Die Glocke des Domes schlug gerade zwölf, als ich die Domstraße in Richtung Krummes Tor überquerte. Der Wind trieb trockenes Laub vom Vorjahr über das Kopfsteinpflaster. Ohne einen Gedanken an das Ziel meines Weges zu verschwenden, lief ich hinauf zum Dom.

Als ich das Krumme Tor passierte, oder besser gesagt, passieren wollte, wurde ich jäh aus meinen zersetzerischen Selbstbetrachtungen gerissen. Ich war schon mindestens zehn Schritte auf der Stelle gelaufen, ohne in der Lage zu sein, durch dieses Tor hindurch zu gelangen!

Neben mir hörte ich es kichern. Ich sah zur Seite und ... da stand er, der Leibhaftige. Glaubte ich jedenfalls. Lässig lehnte er am linken Torpfosten und musterte mich.

„Ganz schöne Asche alles, was?“, warf er mir entgegen.

Mir ging es siedend heiß durch und durch, ich stand da wie festgenagelt. „Na, ja...“, war alles, was ich herausbekam.

„Du Weichei hast wohl nicht mal den Arsch in der Hose zuzugeben, dass du die ganze Welt beschissen findest?“, fragte er sichtbar belustigt.

„Na ja“, fing ich wieder an zu stammeln, „so absolut kann man das vielleicht auch nicht sagen, da muss man wohl verschiedene Aspekte betrachten ...“

„Halt ‘s Maul“, herrschte er mich an, „von diesem Gesafte wird mir speiübel. Bist wohl Politiker?“

„Das mit Sicherheit nicht“, wiedersprach ich vehement. Nach dieser ersten eindeutigen Antwort ging es mir wieder etwas besser, obwohl meine Situation noch genau so unübersichtlich war wie ehedem. Vielleicht war der Typ, der am Torbogen lümmelte, einfach nur ein Punk im Persönlichkeitstraining.

„Nein, bin weder Punk, noch trainiere ich“, beantwortete der Torsteher meinen unausgesprochenen Gedanken. „Da deine Geschäfte momentan nicht zum Besten stehen, würde ich dir gern ein lukratives mit mir anbieten.“, fiel er mit der Tür ins Haus. „Fakt ist: Jemand, der unter dem Krummen Tor flucht, gehört mir.“

In diesem Moment streifte ein kühler Hauch meine rechte Wange und eine sonore Stimme sprach: „Oh nein, du böser Geselle. Diese Seele werde ich auf den rechten Weg leiten.“

Ich fuhr herum. Am rechten Torpfosten stand ein in weiße Seide gehüllter älterer Herr, der eine Mitra trug und einen Bischofsstab hielt. Er streckte mir seine Hand entgegen und sprach: „Komm mit mir, du verirrtes Menschenkind, ich erlöse dich von allen Qualen.“

Auch bei diesem Rettungsangebot in letzter Minute wollte sich kein gutes Gefühl einstellen. „Vielen Dank für Ihr überaus freundliches Angebot, ich würde gern auf das eine wie das andere verzichten“, versuchte ich auch diesen Herren zu beschwichtigen.

Er räusperte sich: „Dies wird wohl nicht in Ihrer Macht stehen.“

„Also, bevor ihr beiden Schwafelbrüder euch weiter mit Nettigkeiten bekleckert, werde ich das mal regeln“, klinkte sich der Satan wieder in das Gespräch ein. „Die Sache ist folgende: Zu Zeiten, als die Welt noch redlich zwischen Teufel und Gott aufgeteilt war, fiel der obere Ast der Domstraße an die Gottesbrüder und der untere Part dieser Straße an mich. Das Krumme Tor wollten sich die Brüder ganz einheimsen. Weil aber der untere Torpfosten auf dem unteren Teil der Straße steht, gehört auch die linke, die untere Torhälfte mir.“

„Oh nein“, meldete sich der bischöfliche Herr zu Wort, „mein Lieber, Sie irren. Das Tor steht nach all den Jahren noch immer auf dem oberen Teil der Straße und ordnet sich somit in das Gut unseres Herren, gelobt sei sein Name.“

„Der Alte lässt sich bestimmt in noch mal dreihundert Jahren immer noch aus der Reserve locken“, freute sich der Teufel. „Pass auf, du hast geflucht“, sagte er zu mir gewandt, „wer flucht, ist meines Geistes Kind, und ich kann ihn festhalten, bevor er durch das Tor zum Dombezirk entfleucht.“

„Hier oben wirst du mit offenen Armen empfangen. Du wirst Buße tun und frei sein von allem Teuflischen und ein gottgefälliges Leben führen“, versprach mir der greise Alte mit schwammiger Freundlichkeit. „Du zeigst Achtung vor der Unabänderlichkeit des Schicksals und darfst dein Leben in Frieden und Andacht verbringen. Die Unrast des Alltags verbaut dir nur den Blick für den Sinn des Lebens.“

„Gähn“, kommentierte der Hörner-Punk. „Da ist es völlig belanglos, ob du vorher oder nachher gestorben bist. Nur die Unzufriedenheit treibt dich an, nur durch sie wirst du im Leben vorankommen, wirst Erfolg und Wohlstand haben und - am Ende mir gehören. Verschreibst du dich mir nicht, wirst du im Sumpf der Trägheit ersticken.“

„Im Moment gehöre ich keinem außer mir selbst“, gab ich zu bedenken.

„Man sollte dich Demut lehren“, sprach salbungsvoll der Bischof.

„Es irrt der Mensch solang er lebt“, kommentierte der Teufel.

„Vielleicht habt ihr beide irgendwo recht“, lenkte ich ein, „ich bitte mir Bedenkzeit aus.“

„Sie sei dir gewährt, doch nicht allzu lange“, verhieß der Himmelsdiener.

„Bla, bla, bla“, unterbrach der Satan, „wenn nur Leute wie ihr das Sagen hätten, würde außer lobpreisen und Harfe spielen nichts passieren. Also, nach einem vollen Tage treffen wir uns wieder an ebendiesem Ort. Entscheidest du dich für einen von uns beiden, dann bist du sein, entscheidest du dich gegen einen von uns beiden, gehörst du dem jeweils anderen.“

„Überbringe die Antwort in einem Symbol, auf das der Schwarze keinen Zugriff hat!“, rief mir der Würdenträger zu.

„Ach was, wähle eins, woran sich der Weiße die Finger verbrennt!“ schrie der Unterweltler, „und wenn du kneifst und nicht erscheinst, wirst du das Licht des nächsten Tages nicht erblicken.“

In diesem Moment schlug die Glocke ein Uhr morgens. Meine Gesprächspartner waren genauso plötzlich verschwunden wie sie erschienen waren.

Ich stand mitten auf der Domstraße und hatte ein viel größeres Problem als das bisschen Ärger am Abend zuvor. Auch wagte ich es nicht, meinen Spaziergang fortzusetzen, kehrte zurück zur Herberge und versuchte nachzudenken.

Die Situation war wirklich vertrackt. Oder vielleicht bildete ich mir die ganze Geschichte nur ein. Ich tu einfach so, als ob nichts war. Prima. Dann habe ich mich geirrt und mich holt der Teufel, oder die beiden teilen sich den Braten. Während ich unablässig das Für und Wider erwog, nicht Dieser und nicht Jener, nicht Seines und auch nicht Dessen, übermannte mich der Schlaf.

Am Morgen kitzelte mich ein Sonnenstrahl wach. Obwohl die Nacht recht kurz gewesen war und mit allerlei Grübeleien begonnen hatte, war ich voller Kraft und guten Mutes. Vom Fenster aus fiel mein Blick auf das Krumme Tor. Vielleicht ist das Tor vom Hin- und Herzerren zwischen Himmel und Hölle zum Krummen Tor geworden. „Jawohl, das ist es!“, schoss es mir durch den Kopf: „Ein Symbol, das weder dem Unteren noch dem Oberen gehört!“ Nur, wie ich darin eine Botschaft überbringen sollte, war mir völlig unklar. 

Nachdem ich mir das Elend des Vortages vom Leibe geduscht hatte, schlüpfte ich in meine Lieblingssachen, nahm ein leckeres und ausgiebiges Frühstück zu mir und machte mich auf den Weg der Erkenntnissuche.

Als erstes steuerte ich das Zauberspruchgewölbe in der Südklausur des Domes an, was mich allerdings nicht weiterbrachte. Zwar soll der Teufel seine Spuren im Kreuzgang hinterlassen haben, nachdem ihn der Baumeister und ein Priester auf eine dem Teufel ebenbürtige Art und Weise hereingelegt hatten. Aber von dessen Vertreibung aus dem Krummen Tor hinaus oder über Besitzansprüche des Teufels am Tor fand ich kein Sterbenswörtchen.

Für die Nutzung der Bibliothek des im Ostflügel der Domklausur ansässigen Europäischen Romanikzentrums der Martin-Luther-Universität Halle bedarf es einer Voranmeldung, die Domstiftsbibliothek selbst befindet sich in Naumburg. So ließ ich mich im lauschigen Kreuzgang nieder und beschränkte mich vorerst auf die Internetrecherche. Ein reiches Arsenal an Aufschwörtafeln der Domherren mehrerer Jahrhunderte und zahlreiche Gerichtsakten der Domfreiheit zu Merseburg waren zu finden, auch ein Vorgang über die Torstube des Krummen Tores, aber nichts über dessen Aufteilung zwischen Himmel und Hölle. Im Museum, das vom Innenhof des Schlosses erreichbar ist, setzte ich meine Suche fort, im Anschluss in der Stadtbibliothek.

Jedoch eine solche Geschichte, wie mir gestern widerfahren war, fand ich nirgendwo.

Um mir nach den stundenlangen Studien den zu Kopf kühlen, machte ich einen Spaziergang durch den Schlossgarten. Die Sonne schien schon wieder so kräftig, dass sie den Rücken wärmte. Das junge Grün ließ bereits die Knospen bersten und die Krokusse in ihren zarten Farben vermittelten mir ein beschwingtes Gefühl. Das Leben ist schön!

Ja, so ist es. Der Unrastige und vom Terminkalender Besessene wird blind.

Jetzt, so im großen kosmischen Zusammenhang betrachtet, war mein gestriger Misserfolg eine einzige Belanglosigkeit, ein unwichtiges Detail.

Vor mich hin philosophierend erreichte ich den Aussichtspunkt zur Saale. Mit massiver Gewalt stürzten die Wassermassen das Wehr hinunter. Wehe dem, der der Gewalt der Natur ausgeliefert ist. Ein paar vorwitzige Wildenten ließen sich erst gemütlich, dann schneller werdend, den Fluss hinuntertreiben bis kurz vor den Wasserfall, um im letzten Moment vor dem Absturz die Richtung zu ändern und seitlich auszuweichen. Ist das eine Mutprobe oder eine Schnelligkeitsübung für Enten? Vermutlich.

Die Trägen und Mutlosen würden einfach weggespült.

Und wie ist das mit mir? Wollte ich gestern nicht alles in die Ecke schmeißen?

Gemach. Einen Tag Ruhe gönne ich mir. Es ist der siebente.

Jedoch bevor mich der Strudel hinabreißt, werde ich mir ein neues Ziel setzen.

Mit erleichtertem Herzen und voller Tatendrang trat ich den Rückweg zur Curia Sigismundi an. Obwohl es hellerlichter Tag war, mied ich den Weg durch das Krumme Tor.

Wieder am Hause Domstraße 10 angelangt, vernahm ich im Hof desselben die Klänge eines Schmiedehammers. Ich ging hinab in den Hof des Hauses und klopfte an die Tür der Schmiede. Da mich niemand zu hören schien und es drinnen weiter hämmerte, ging ich ungebeten hinein. Als mich der Schmied bemerkte, setzte er sein Werkzeug ab, grinste mich an und sagte: „Was ´n los?“

„Guten Tag, ich würde gern bei Ihnen etwas anfertigen lassen.“

„Was ´n?“

„Das Krumme Tor als Amulett mit einem Hohlraum, in den man etwas hineinstecken kann.“

„Was ´n?“

„Einen Zettel, den man immer wieder einmal wechseln kann.“

„Sonst nix?“

„Nein, das wäre es, was ich gern hätte.“

„Bis wann willst ´n das Ding haben?“

„Bis spätestens Mitternacht.“

„Ach du Scheiße.“

„Wäre das möglich?“

„Na, komm um sechse mal vorbei“, murmelte er noch, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte. Mit der Höllenkraft des Feuers brachte dieser Mann göttliche Dinge zuwege. Seine Kunstwerke waren überall im Haus und im Garten zu bewundern. Wie es schien, sollte er das rechte Medium für mein Anliegen sein.

Ich verließ die Werkstatt und ging hinunter in den weitläufigen Garten des Anwesens. Er war in zwei Ebenen angelegt, geteilt durch eine alte Steintreppe. Eine Gartenbank lud zum Verweilen ein. Meine Gedanken waren gänzlich mit dem Inhalt der Botschaft für die beiden Herren befasst, für den einen, der stets Böses will und doch Gutes schafft, und den anderen, der es immer gut meint und schon soviel Leid gebracht hat. Der eine wäre ohne den anderen ein Nichts. Ohne beide würde aus dem Leben eine Null-Linie.

So verbrachte ich den Rest des Nachmittags sinnend über die Ausschläge der Sinuskurve und über die Rolle der Bedeutung des Daseins. Jedoch die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings waren trügerisch, mir wurde kühl, und müde vom vielen Nachdenken verließ ich den beschaulichen Ort.

Sechs Uhr betrat ich die Werkstatt des Kunstschmiedes.

„Guck mal, da vorne liegt ´s“, brummelte er ohne aufzuschauen.

Ich sah mir das Schmuckstück an und befand, dass es auf magische Weise gelungen war.

Der Schmied grinste über seine heruntergerutschten Brillengläser, wie wenn er Bescheid wüsste. Ich entlohnte ihn und er rief mir noch „na dann viel Glück“ hinterher, als die Tür bereits zuschlug.

Zurück in der Herberge präparierte ich mein Symbol, das weder dem Guten noch dem Bösen, aber doch beiden gehörte.

„Ich liebe das mir geschenkte Leben mit all seinen Höhen und Tiefen“, ritzte ich auf der Rückseite des Amuletts ein. Da eine solche Sicht gottgefällig ist, durch die Brille dieser oder jener Religion betrachtet, ist dies eine Entscheidung weder für noch gegen den Geist des Bischofs.

Dann suchte ich mir ein Stück Papier. Darauf schrieb ich: „Weil ich mein Leben liebe, setze ich morgen meine Reise fort.“ Dieses Zettelchen steckte ich in den Hohlraum des Amuletts. Dem Teufel wollte ich erklären, dass ich jedes Mal, nachdem ein Vorhaben beendet ist, den Plan für das nächste in meinem Amulett verwahren werde, solange, bis auch dieses verwirklicht sei, und so weiter. So könne mich nicht die Trägheit befallen. Vor der teuflischen Unrast wiederum bin ich geschützt, weil ich jedes neue Ziel mit dem göttlichen Satz „Weil ich mein Leben liebe, ...“ beginnen werde. 

So war ich mir sicher, mich weder für noch gegen den Gehörnten entschieden zu haben.

Während meiner Vorbereitungen war die Zeit verflogen. Jedoch, stellte ich verwundert fest, war mein Gemüt ruhig und zuversichtlich. Ich kannte meinen Weg.

Kurz vor Mitternacht verließ ich das Haus Domstraße 10, überquerte die Straße und lief hinüber zum Krummen Tor. Die Turmuhr schlug zwölf. Festen Schrittes ging ich meiner Verabredung entgegen. Es war noch niemand da.

Ich wartete.

Nichts geschah.

Leise sagte ich: „Hallo, ist da jemand?“

Nichts.

„Hallo, meine Herrschaften, ich bin da. Hört mich denn keiner?“

Wieder nichts.

Kann man sich denn auf niemanden mehr verlassen? Nicht einmal mehr auf die Urpole der Menschheit? Ich rief so laut ich konnte: „Hallo, ich bin da! So erhört mich doch!“

„Lass gut sein, dein Schätzchen will dich scheinbar nicht“, hörte ich jemanden hinter mir. Wie elektrisiert drehte ich mich um.

Ein pickliger Polizist lehnte sich aus dem Fenster eines Streifenwagens: „Geh nach Hause und brüll nicht mitten in der Nacht auf der Straße herum!“

„Geht klar, Chef“, sagte ich, und der Wagen fuhr weiter.

Seit meinem Besuch in der Herberge am Kummen Tor trage ich das Amulett und statte es immer wieder mit neuen Zielvorgaben aus. Meine Unternehmungen gehen auf wundersame Weise voran und alles scheint mir zu gelingen. Der Teufel hat mich noch nicht geholt und das Leben macht mir Freude. Manchmal halte ich inne und danke meinem Schicksal.

Warum jetzt alles anders ist, weiß ich nicht wirklich.

Jedoch jedes Mal, wenn ich in der Nähe bin, mache ich einen Abstecher nach Merseburg, laufe die kopfsteingepflasterte Domstraße hinauf zum Domberg und verweile kurz unter dem Krummen Tor. Und denen, die ich gut leiden kann, rate ich, eine Nacht in der Curia Sigismundi zu verbringen. Was dann passiert, liegt an jedem selbst.

Das Geheimnis des Amuletts habe ich für mich behalten.