ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach


EINE GESCHICHTE - EIN MOMENT


Die Brücke


Hell leuchtete ihr Sandstein in der Sonne. Unter ihren Bögen grasten schwarz-weiße Kühe, über sie hinweg fuhren Autos, Traktoren, Panzer und Pferdekutschen.
Sie hat Generationen von Menschen den Weg über die Elbe ermöglicht, aus der Aue kommend auf dem Weg in Richtung Schloss und Stadt und umgekehrt. Mehrmals wurde sie verändert und angepasst. Doch niemals hat sie versagt, immer war sie zu Diensten. Selbst als im Jahre 1942 das große Hochwasser das Torgauer Umland in einen Riesensee verwandelte, blieb sie allen Umständen zum Trotz standhaft. Auf die zweihundertjährige Dame war Verlass. Sie vermittelte im Laufe ihres Daseins nicht nur vom rechten zum linken Elbufer, in diesem Falle von Ost nach West, sondern auch zwischen den großen Mächten dieser Welt. Im März 1945 schaffte sie es, obwohl zwei ihrer Bögen durch deutsche Truppen gesprengt worden waren, die Russen und die Amerikaner zusammenzuführen und damit den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Dafür bauten ihr die Torgauer ein Denkmal. Touristen aus aller Welt kamen, um ihr Ehre zu erweisen. Und täglich leistete sie bei aller Berühmtheit Schwerstarbeit: Fußgänger, Autos, Lastwagen, Busse hinüber und herüber. Es waren nicht zwanzig oder hundert Wagen, sondern Tausende rasten und holperten über ihr altes Kopfsteinpflaster hinweg, immer mehr und immer schneller. Bis die alte Brücke Risse bekam.
Die Alte sei nicht mehr belastbar hieß es, sie müsse weg. Wir brauchen Neues und Besseres. Und plötzlich geschah es. Die Pfeiler wurden gesprengt, die Stahlkonstruktion stürzte haltlos in die Tiefe, der Schutt wurde abtransportiert.
Heute ist neben dem neuen Bauwerk aus kaltem Stahlbeton, das den Fluss überspannt, nur noch der Kopf des alten zu sehen. Er sagt: Es gab mich einmal, die Brücke aus hellem Sandstein, der in der Sonne leuchtete und unter deren Bögen schwarz-weiße Kühe grasten.


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