ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

EINE GESCHICHTE - EIN MOMENT - FUNDUS


Genderi - Gendero 

21.09.2021


Corona vernebelt unser Gehirn. Alles dreht sich um Inzidenzen, um Lockdown ja oder nein, Kontaktregeln, Impfstoff, Teststrategien ohne Tests, Proteste, Regierungskrisen, Aufdecken von Verschwörungen. Unbemerkt in all diesem Chaos hat sich durch die Hintertür „Innen“ nun endgültig  in unser Leben geschlichen, und das nicht nur in Zeitschriften, die sich für progressiv oder feministisch halten, nein, überall lugt es aus den Ecken.

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn hatte ich, ohne einen besonderen Gedanken daran zu verschwenden, auf den Rezept- und Formularstempel unter meinen Namen die Berufsbezeichnung „Facharzt für Allgemeinmedizin“ drucken lassen. Erst zu spät fiel es auf, dass ich in einigen Briefen, die mich als Rückantwort auf eine Überweisung erreicht hatten, von meinen Kollegen mit „Herr“ angesprochen wurde, und das, obwohl mein Vorname fett in der ersten Zeile des Stempelabdrucks zu lesen war und sich in keiner Weise männlich anhört. Gut, es gibt auch Männer mit weiblichen Vornamen, doch wurde dem Maria als Hinweis auf das Geschlecht des Namensträgers sicherheitshalber der Karl hinzugefügt. Damals fand ich die Vermännlichung durch meine Kollegen einfach nur nachlässig, und zugegebenermaßen hat es mich in höchstem Maße belustigt.

Die Tatsache, dass man als Frau tatsächlich klug sein muss, um als solches zu gelten, halte ich für unbestritten. Da reicht es nicht, während der Vorlesung dem Professor eine Frage zu offerieren, die mit einem viertelstündigen Vortrag der sonnigen Selbstdarstellung beginnt, und das eigentliche Anliegen zur Belanglosigkeit verkümmern lässt. Nein, solche Szenarien kann man sich als Frau nicht leisten. Die Männchen dächten: Was quatscht die so ewig? Die Frauen würden brüskiert die Nestbeschmutzerin von sich weisen, die klüger sein will, als der Rest aller Weibchen: Die soll den Mund halten und zuhören.

Sehr viele Jahre später hatte ein jüngerer, freundlicher, neuer Kollege seine Praxis am anderen Ende der Stadt eröffnet. Und es begab sich, dass dieser zudem auch sportbegeisterte junge Mann wiederholt bei der Ausübung seines Sports zu Fall kam, leider auf derart schmerzhafte Weise, dass er nach einer Vertretungspraxis für seine Patienten suchen musste. Es stand für mich außer Frage, sofort in die Bresche zu springen. Und auch er tat dies später mehrfach für mich. Doch bei jener allerersten Vertretung hatte ich den Eindruck, dass mir seine Patienten mit einer gewissen Herablassung entgegen traten, so, wie: „Unser guter Doktor ist nicht da, da müssen wir in Kauf nehmen, was da kommt. Mal sehen, ob die das überhaupt kann.“ Im Unterschied zum Gespräch mit meinen eigenen Stammpatienten fiel mir ein dezent misstrauischer, reservierter Unterton auf. Als sich in den Folgejahren die Vertretungen für den sportlichen Kollegen, auch ohne Unfälle, wiederholten, einige seiner Patienten schon mehrfach in meiner Sprechstunde gewesen waren, änderte sich ihr Verhalten. Sie traten mir offener und vertrauensvoller entgegen. Vermutlich hatte ich die Prüfung bei ihnen bestanden.

Bei den Patienten einer Kollegin, die ich ebenfalls regelmäßig vertrete, ist mir solches Gebaren niemals aufgefallen. Sie akzeptieren mich ohne Umstände, sind froh, eine Anlaufstelle zu haben, wenn ihre Hausärztin nicht da ist.

Ab jetzt soll alles anders werden. Es wird unentwegt „Innen“ gesagt, um zu betonen, dass es Männchen und Weibchen gibt, niemand würde es sonst merken. Bisher kaufte ich das Brot beim Bäcker, egal ob ein Mann oder eine Frau hinter dem Ladentisch stand, habe den Schornsteinfeger bestellt, ihn auch dann eingelassen, wenn eine Fegerin vor der Tür stand, und bin gelegentlich zum Friseur gegangen, der in meinem Fall immer eine Frau war.

Meine Tochter hatte während ihres Studiums einen Nebenjob. Sie hat an der Hochschule Formulare,  Anweisungen und unzählige Schriftstücke überarbeitet, sie gendergerecht umgestaltet. Dafür scheute man weder Kosten, noch den Einsatz von Ressourcen. Bleibt zu hoffen, dass jetzt auch die weiblichen Studierenden, denn es gibt keine Studenten mehr, weil die Studentinnen nicht in den Studenten enthalten sein sollen, wie ich früher fälschlich vermutet hatte, als ich selbst noch wähnte, zu den Studenten zu gehören, dadurch selbstbewusster durch ihr Studium wandeln.

Es drängt sich die bange Frage auf, was ist mit denen, die auf dem gegenderten Formular das Kreuzchen bei divers setzen? Sie sind sehr wohl Studierende, aber weder Bäcker noch Bäckerin. Selbst wenn sie dann Backende sind, was sind sie nach Feierabend? Die Antwort auf die Frage nach dem erlernten Beruf müsste dann „in meiner Arbeitszeit Backender“ lauten. Oder Backende? Oder Backendes? Das wäre noch diskriminierender, da sächlich eine Sache bezeichnet, keine Person. Also eine Unperson? So wie auch ein Kind nur eine Sache zu sein scheint. Die Kinder sollten umgehend gegen das Pronomen ihrer Einzahl zu Felde ziehen. Warum fällt niemandem die Herabsetzung unseres Nachwuchses auf? Sollte nur noch von Jungen oder Mädchen die Rede sein? Und wie heißt der-die-das Kind zwischen den Geschlechtern?  

Eines Tages lief ich am Fluss entlang und begegnete dem Mann mit den Hunden, den ich oft dort treffe. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass er Lehrer sei, und er erkundigte sich nach meinem Beruf. Die Antwort „Arzt“ korrigierte er umgehend: Sie meinen Ärztin. Nein. Meine ich nicht. Doch ich schwieg. Genauso wie ich Hunde noch immer für Hunde halte und niemanden befrage, ob er von einem Hund oder einer Hündin gebissen wurde, sondern mich um die Versorgung der Wunde kümmere. Und die Katze, die in meinen Garten auf dem Petersilienbeet ihre Notdurft verrichtet, wird verscheucht, egal ob es ein Kater oder eine Katze ist, auch dann, wenn der Kater durch die Subsummierung in den Sammelbegriff Katze seelischen Schaden nimmt. Der Haufen stört mich in männlicher und weiblicher Form beim Unkraut jäten, und beim Kräuterernten für den Salat allemal.

Vermutlich muss ich mir psychologischen Beistand suchen. Therapeut oder Therapeutin ist hier die Frage. Ich fühle mich durch diese Innen-Marotte in einen bestimmten Teil der Menschheit sortiert, ausgesondert, fühle mich nicht unter die Spezies Mensch im Allgemeinen integriert. Ich wäre so gern Mensch unter Menschen.  Müssen wir die Menschheit aufteilen? Auch als Rothaarige habe ich das Recht, unter allen Blonden, Braunen, Schwarzen, Grauen und Glatzköpfigen ausnahmslos als Mensch gesehen zu werden. Möchte weder wegen meiner Rothaarigkeit verachtet, noch als Hexe verschrien werden, noch fordere ich eine besondere Behandlung wegen meiner auf dem Scheiterhaufen umgekommenen Vorfahren. Die Schmähungen in meiner Kindheit wegen dieses Merkmals habe ich ohne bleibenden Schaden überstanden. Die Hoffnung, dass die Gender-Sprach-Geschwüre irgendwann wieder abheilen könnten, habe ich noch nicht begraben. Zweifel daran werden jedoch immer wieder von der Willfährigkeit der Leisetreter genährt, die sich vor den für sich selbst sprechenden Moralaposteln abducken. In dem Verhalten untereinander, das aus generationenübergreifenden Ressentiments resultiert, bürgert sich dadurch lediglich der Gebrauch einer gespalteten Zunge ein.

Meine Fraktion, die Frauen, sollten sich lediglich als einen Teil der Menschheit begreifen, nicht als einen besseren oder einen besonders schützenswerten. Gut, sie sind privilegiert, weil nur sie die Kinder gebären können, was den Männchen, wie bei den meisten Tieren, verwehrt ist. Aber sie können durchaus bereit sein, die Freude an der Aufzucht der Jungen mit dem benachteiligten, männlichen Teil der Menschheit zu teilen. Und Männchen könnten verstehen, dass sie auch dann geliebt werden, wenn sie nicht die Heldenrolle ausfüllen. Realitätssinn täte allen gut, dann wäre es kein Makel mehr, wenn ein Rivale oder ein Vorgesetzter weiblich ist. Zuweilen sind zur Erlangung eines besonderen Amtes das Katz- oder Katerbuckeln oder andere tierische Fähigkeiten vonnöten. Egal wer es besser kann, eine Schande ist es männlich und weiblich. Die eine Hälfte der Menschheit gegen die andere in Stellung zu bringen, kann nur eine Riesendummheit sein. Welche Macht profitiert davon?

Gestern auf dem Heimweg stand ich an der roten Ampel. Im Radio liefen die Achtzehn-Uhr-Nachrichten, Meldungen rankten sich um BürgerInnen und KünstlerInnen. Welch widerlicher Abbruch im Redefluss! Und wieder der Ausschluss der Weibchen aus der Kohorte der Bürger und Künstler! Vor Schmerz schrie ich auf. Tränen der Wut stiegen mir in die Augen. Jahrelang habe ich in dem Selbstverständnis gelebt, ich gehöre mit dazu. Nur weil ein paar BesserwisserInnen glauben, sie könnten sich im Leben besser behaupten, wenn mit permanent erhobenem Zeigefinger hinzugefügt wird, die Mädels gehören aber auch dazu, ätsch, werde ich als Gebeutelte aus meiner bisherigen Zugehörigkeit zu Menschen, Bürgern und Ärzten ausgeschlossen. Lebt es bitte, liebe Innen, und quält nicht meine Ohren und meine Seele! Durch diese Tortur werdet ihr nicht die Beachtung erlangen, nach der ihr so lechzt! Ich schlage auf den Ausschaltknopf des Radios und brülle noch lauter.

Grün. Der Mann hinter mir hupt und tippt sich an die Stirn. Typisch Frau am dem Steuer.




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17.01.2021

Martha

Erwin und Martha kannten sich seit mehr als sechzig Jahren. Er hatte mit zweiundzwanzig ihre beste Freundin Lisa gefreit, kurz danach heirateten Martha und Gerhardt. Und auch die Männer wurden Freunde. Dann starb Lisa viel zu früh. Acht Jahre später wurde Martha Witwe. Seitdem verbringen die beiden Übriggebliebenen die Wochenenden und Festtage miteinander, nicht mehr und nicht weniger.  

Obwohl sie nicht mit mir verwandt ist, nenne ich Martha Tante. An ihrem Küchentisch habe ich meine Hausaufgaben erledigt, ihr beim Kochen und Putzen, beim Pflanzen und Jäten zugeschaut, auf ihrem braunen Plüschsofa in staubig riechenden Büchern geschmökert, solange, bis das Knarren der Flurtreppe zu hören war, dann ein heiseres Klingeln und mich meine Mutter, müde von der Arbeit, mit nach oben in unsere Wohnung nahm.

Heute trennen mich zwei Stunden Fahrstrecke von Martha, dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, in der Weihnachtszeit bei ihr vorbeizuschauen. Zwei Tage nach meinem diesjährigen Besuch rief  sie an, sie war völlig aufgelöst. Erwin hatte plötzlich hohes Fieber bekommen und musste ins Krankenhaus. Zu Silvester kam der nächste Anruf. Erwin war tot. Es sei Corona gewesen.

Erst als man im neuen Jahr wieder begonnen hatte zu arbeiten, kreuzte eine Frau vom Gesundheitsamt bei ihr auf und wies Quarantäne an. Solange Martha nichts fehle, sei das ausreichend, beschied sie, auf das Virus testen müsse man nur die Berufstätigen.

Ich hatte das Amt meiner Stadt selbst informiert, mein Abstrich fiel positiv aus, also hatte mich Erwin angesteckt. Zwei Wochen lang war ich in meine Wohnung verbannt, auf der Baustelle blieb alles liegen.

Das Anstrengendste in dieser Zeit jedoch waren die Telefonate mit Martha. Über Erwin verlor sie erstaunlicherweise kein Wort. Lautstark oder leise weinend beklagte sie ihre Gefangenschaft, dann bekam sie Husten und bestellte ihren Hausarzt. Der hatte sich im Treppenhaus vor ihrer Wohnung einen Schutzanzug, eine Maske und ein Gesichtsschild angelegt. Dummerweise öffnete just in diesem Augenblick Frau Speer von gegenüber neugierig ihre Tür. Mit offenem Mund starrte sie wie gebannt auf den Außerirdischen. Ewige Sekunden vergingen, bis sie sich aus ihrer Versteinerung lösen und die Tür wieder zuschlagen konnte.

Der Arzt untersuchte Tante Martha gründlich, zum Schluss entnahm er mit einem Wattestäbchen aus ihrem Rachen einen Virustest. Seit er ihr gesagt hatte, dass es keine Lungenentzündung ist, war der Husten nicht mehr ganz so schlimm.

Dramatisch war die nächste Begegnung mit Frau Speer. Obwohl ich der Tante eingeschärft hatte, die Wohnung nicht zu verlassen, war sie dennoch hinab zum Briefkasten gelaufen, weil sie die Pflegeschwestern, die täglich ihre geschwollenen Beine verbinden kamen, nicht darum bitten wollte. Frau Speer kehrte mit zwei großen Taschen beladen vom Einkauf zurück. Als sie Martha gewahr wurde, warf sie ihre Einkäufe vor die Briefkästen und stürzte wieder aus dem Haus. Bei ihrem Bericht darüber schluchzte Martha in den Telefonhörer. Nun sei sie eine Aussätzige.

Erst zwei Tage später erfuhr auch sie von ihrem nicht überraschenden, positiven Testergebnis. Die Fortsetzung des Kontaktverbotes war amtlich. Keine Menschenseele treffen! Wenn sie wenigstens in den Park gehen könnte! Noch zwei Wochen Knast, das ist nicht auszuhalten! Sie verfluchte den Arzt. Warum hatte er ihr das angetan? Musste er diesen blöden Abstrich machen? Sie vertraute ihm, seit er damals bei ihr seine Gartenpflanzen gekauft hatte. Ab sofort nicht mehr! Er hatte es verwirkt. Wenn sie in der Wohnung eingesperrt ist, jammerte sie, sei ihr Leben sinnlos. Dann will sie lieber gleich sterben.

Meine Quarantäne ist zu Ende, es geht mir blendend. Endlich kann ich mit dem Elektriker zur Baustelle gehen, seit Wochen habe ich auf ihn gewartet. Als wir zum ersten Stock hinauf steigen, bleibt er keuchend auf halber Treppe stehen, entschuldigt sich. Er habe im September die Coronakrankheit gehabt. Für ihn sei es ein Erfolg, dass er die acht Stufen schafft. Gegen Mittag verabschieden wir uns, alles ist besprochen.

Zurück im Büro sehe ich den Anrufbeantworter blinken. Martha. Mit gemischten Gefühlen wähle ich ihre Nummer. Los, geh schon ran! Endlich. „Halloho“, tiriliert sie, „ich darf wieder rausgehen!“. Und ein Redeschwall lässt mir die Ohren klingen. Zum Schluss druckst sie etwas herum: „Ich wollte noch erwähnen, dass ich mir das mit dem Sterben noch einmal anders überlegt habe.“

Mit einem tiefen Seufzer lasse ich mich in den alten Ledersessel fallen. Mein Blick gleitet zum Fenster. Erst jetzt fällt es mir auf. Es hat tatsächlich geschneit.


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