ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES


Den Lesern der Hausarztseite sei ebenfalls DAS TREUSORGENDE EICHHÖRNCHEN empfohlen - eine Geschichte, auch für helle Erwachsene


Urlaubszeit


Urlaubszeit. Reisezeit. Vertretungszeit. Wohlweislich habe ich schon vor Monaten für die Zeit, in der meine Kollegin, mit der ich Vertretungen regelmäßig abstimme, Urlaub geplant hat, in meinem Praxisplaner täglich fünfzehn bis zwanzig Minuten Bestellzeit blockiert. Jedoch plötzlich und unerwartet fiel einem anderen Kollegen ein, dass er verabsäumt hatte, rechtzeitig eine Vertretung zu organisieren. Mein Terminkalender ist bis auf wenige Lücken ausgebucht. Und zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass sich klammheimlich auch die blockierten Zeiten wie von selbst aufgelöst haben. Meine Helferin antwortet auf meinen Einspruch: „Wo soll ich denn die Patienten hinschreiben?“ Ich frage mich: „Wann soll ich sie denn behandeln?“

Auf diese mysteriöse Weise trägt es sich auch in diesem Jahr zu, dass sich im Sommer mein Wartezimmer in einen orientalischen Basar verwandelt. Die Notklappstühle aus Plaste werden hervorgeholt, und es bilden sich im Wartezimmer verschiedene Lager.
Die regulären Wartezimmerstühle werden wie selbstverständlich von der Gruppe der Stammpatienten besetzt. Es bereitet ihnen Freude, sich wieder einmal zu treffen, sie schwatzen von früher oder erzählen sich spannende Neuigkeiten über ihre Krankheiten. Zuweilen beschweren sich sogar ältere Damen, zu schnell in das Sprechzimmer gerufen worden zu sein, weil sie endlich eine alte Bekannte wieder getroffen hätten und gerade so angeregt im Gespräch gewesen waren.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Warteraums hat sich, geschart um einen Kinderwagen, auf mehreren zusammengerückten Plastestühlen eine Gruppe Südländer gebildet, die sich lautstark unterhalten und dabei unentwegt auf ihren Handys herumtippen.
Ein weiterer Pulk sind die überwiegend männlichen Jugendlichen, die sich zumeist aus einer berufsvorbereitenden Schule kennen und wegen starker Rückenschmerzen oder Durchfall die Praxis aufsuchen. Sie sitzen immer nur kurzeitig auf den Plastikstühlen, im Viertelstundentakt verschwinden sie gruppenweise vor die Haustür zum Rauchen. Einige von ihnen verzichten völlig auf den Stuhl, hocken sich auf den Fußboden oder lehnen mit dem Rücken an der Wand, darin gleichen sie den Männern aus der südländischen Gruppe.
Eine weitere Sorte Patienten tritt nicht in Gruppen auf. Sie steht oder sitzt vereinzelt mit einem Buch vor der Nase oder mit dem Laptop auf den Knien.
Beschwerden über die lange Wartezeit, garniert mit unflätigen Beschimpfungen, kommen meist aus dem jugendlichen Lager. Die Lesenden nutzen die Zeit zum Arbeiten oder verschwinden geräuschlos, falls ihr nächster Termin fällig ist. Unter den Rentnern herrscht meist friedliche Caféhausstimmung. Bis der Erste anfängt zu nörgeln und zu quengeln. Dann stellt sich heraus, dass gerade dieser seinen Termin verwechselt hat und eigentlich erst übermorgen im Bestellbuch steht. Aber der Enkel hat sich heute extra freigenommen, um die Großeltern zum Arzt zu fahren. Also müssen sie bleiben.

Ein älterer Herr aus dieser Stamm-Rentner-Gemeinde, der gemeinsam mit seiner dementen Ehefrau von seinem arbeitslosen Sohn zur Sprechstunde gebracht wird, fragt mich nach der Konsultation in gedämpftem, vertraulichem Ton, ob ich denn auch Privatpatienten behandeln würde. „Ja natürlich“, antworte ich verwirrt, „warum sollte ich sie nicht behandeln? Genauso wie alle anderen auch.“ Sicher will er für einen Nachbarn oder einen Verwandten vermitteln, denke ich. „Gut“, sagt er, “dann machen wir das nächste Mal einen Privattermin aus.“ Ich gucke ihn völlig verdattert an: „Wieso, Sie sind doch kassenversichert?“ „Na dann komme ich gleich dran und muss nicht so lange warten, wenn es wieder so voll ist.“ Ich sehe in der Wartezimmerliste nach. Er musste tatsächlich, obwohl er einen Termin hatte, eine halbe Stunde warten, war aber schon vierzig Minuten vor der Zeit in der Praxis gewesen. Vorsichtig versuche ich, ihm das zu erklären, und auch, dass alles genauso wäre, wenn er anders versichert wäre. „Das ist aber woanders nicht so.“ „Wieso“, frage ich, immer noch verwundert. „Also beim Facharzt Doktor Hohlfuß kann man privat einen Termin ausmachen, und dann kommt man schneller dran.“ „Hier ist das nicht so“, antworte ich, „und die Praxis wäre genauso voll.“ „Na, man kann ja mal fragen“, sagt er, „bis zum nächsten Mal“, blinkert mich mit seinen braunen Knopfaugen an und verschwindet aus dem Sprechzimmer.
Ungläubig sitze ich hinter meinem Schreibtisch und denke: das musst du aufschreiben.



>>> vorherige Geschichten aus dem Leben des gemeinen Hausarztes