ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES




Schneechaos


Wieder hat es die ganze Nacht geschneit. Unser gestriges, abendliches Schneeschaufeln war offensichtlich umsonst. Der Hof ist eine homogene weiße Fläche, und das Garagentor lässt sich nicht mehr öffnen. Also frisch auf!
Ab und an ist ein „Bing“ aus dem Handy zu vernehmen - Nachrichten meiner Helferinnen. Keine schafft es, sich durch die Schneemassen von ihrem Wohnort bis zur Praxis durchzuschlagen. Als ich endlich nach dem Schippen unter der Dusche stehe, ruft noch der Hausmeister an. Schneeräumen kann er heute nicht, auch er ist eingeschneit.
Ein kritischer Blick auf die Straße offenbart mir, mein Allerweltsauto ist bei dieser Schneehöhe chancenlos. Würde ich zu Fuß bis zur Praxis stapfen, bräuchte ich mindestens eine dreiviertel Stunde. Das erste Mal schätze ich das Allradgefährt meines Mannes, das ich bisher nur despektierlich als hässliches Angeberauto tituliert habe. Selbst bin ich noch nie damit gefahren, deshalb werde ich heute chauffiert. Schneewehen und Furchen, an denen das meinige zweifellos gescheitert wäre, überwindet es souverän. Wir schaffen es, fast pünktlich da zu sein.
Den Gehweg vor der Praxis hat der hilfsbereite Nachbar freigeschippt. Welch ein Glück! Für mich und für die Patienten, die es dank dessen sogar heute bis hierher geschafft haben, zwei warten schon im Hausflur auf meine Ankunft. Sie folgen mir auf den Fuß.
Meinen freundlichen Allradchauffeur bitte ich, für den Moment, bis ich in meine weiße Arbeitskleidung geschlüpft bin, die Anmeldung zu bewachen. Als ich zurückkehre, lauern schon fünf weitere Patienten, drei „Stammkunden“, ein unbekannter, älterer Herr und eine männliche Gestalt jüngeren Alters, bei der mir mein inneres Alarmsystem „Vorsicht!“ meldet.
Jetzt erst begreife ich, welch tollkühne Idee es ist, die Anmeldung ohne Aufsicht zu lassen. Zwar kann ich das Telefon mühelos in mein Sprechzimmer umleiten, doch während ich dort die Kranken behandle, kann sich hier draußen jeder nach Herzenslust an Dingen bedienen, die er eventuell gebrauchen könnte. Blitzschnell wäre der kleinen Computer aus dem Backoffice abmontiert, und man ahnt kaum, was sonst noch alles mitgehen könnte.
Gottlob lässt sich mein heutiger Dauerretter um den Finger wickeln, weiterhin als Wachposten zu fungieren. Außer einem PC mit Internet und einer Tasse Kaffee habe ich allerdings keinen Service zu bieten.
Immer mehr Patienten trudeln ein, der Schnee stört offensichtlich niemanden. Und auch das Telefon klingelt pausenlos. Es ist nicht zu fassen!

Erst am späten Mittag verlässt der letzte Patient die Praxis, und ich gönne mir einen Spaziergang durch den Schlossgarten. Herrlich! Die Sonne scheint, der Schnee hat die Bäume und Sträucher eingehüllt, es ist wie im Märchen.

Die Spätsprechstunde ist mäßig besucht. Mein Wächter hat wieder seinen Posten bezogen, nachdem er sich nun sein Homeoffice ins Anmeldeoffice geholt hat. Jedoch an konzentriertes Arbeiten ist als „Helferin an vorderster Front“ keinen Moment lang zu denken. Zwar weist ein großes Schild darauf hin, dass die Rezeption nicht besetzt ist. Aber was sagt ein Schild? Da sitzt doch einer! Also kann er auch Fragen beantworten oder Termine vergeben und die Rezeptbestellungen annehmen. Wer dort sitzt, hat zu funktionieren.
Ein besonders Ungeduldiger beschwert sich mehrmals, er müsse jetzt endlich drankommen, er habe schließlich einen Termin! Auch mich weist er später im Behandlungszimmer darauf hin, sein Termin sei eigentlich vor einer Dreiviertelstunde gewesen. Meinen Hinweis auf die Ausnahmesituation mit Arzt als Alleinunterhalter ohne eine einzige Mitarbeiterin, quittiert er mit einem Kopfschütteln. Ich behandle ihn trotzdem. Alle anderen Patienten sind ausnehmend freundlich.

Als wir am Abend die Praxis verlassen, sehen die Straßen nicht viel anders aus als am Vormittag. Lediglich tiefe Rinnen sind in den Schnee gefahren. Im Licht der Straßenlaternen tanzen die Flocken.
Auf der Hauptstraße endlich ein kleiner Schneepflug! Unter der Schneedecke ist die Straße eisglatt. Ich befürchte, morgen noch einmal eine Soloveranstaltung durchziehen zu müssen.
Zu Hause angekommen, ist noch eine Runde Schneeschippen dran, unsere kleine Stichstraße ist völlig dicht, nichts außer Spuren im Schnee. Danach hilft nur noch heiße Badewanne und ins Bett fallen.



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