ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES




Bauchschmerzen


Ein Magen-Darm-Infekt geht um. Mindestens sieben Patienten mit Bauchschmerzen und Übelkeit, manche auch mit Erbrechen, waren heute schon da.
Vorige Woche hatte ich diesen Keim selbst ausprobiert; so weiß ich aus erster Hand, wie die Sache abläuft.

Derzeit vertrete ich eine Kollegin. Das beschert mir eine Menge unbekannter, junger Patienten, die in erster Linie wegen eines Krankenscheins in die Praxis kommen.
Eine Frau, Mitte zwanzig, die Stirn großflächig tätowiert, mit einem Riesenpiercing in der Nase, das an einen monströsen Popel erinnert, betritt das Sprechzimmer. Der Geruch von Zigarettenqualm schlägt mir entgegen. Also bietet sich die Gelegenheit, zu üben, sich beim Arztgespräch und der Behandlung ausschließlich auf die Beschwerden zu konzentrieren und jegliche Äußerlichkeiten auszublenden. Denn das eigene ästhetische Empfinden hat hierbei nichts zu suchen.

Ohne Umschweife erklärt die Patientin, sie benötige lediglich einen Krankenschein. Ich solle ihr ja nicht auf den Bauch fassen! Davon würde ihr nur wieder übel.
„Hinter jeder noch so banalen Übelkeit kann sich vieles verbergen, sogar eine Blinddarmentzündung“, erwidere ich, „deshalb werde ich niemanden mit Bauchschmerzen behandeln, ohne den Bauch untersucht zu haben.“
Sie murrt, legt sich dennoch bereitwillig auf die Liege.
„Und jetzt bitte alles, was nach oben geht, nach oben und alles, was nach unten geht, nach unten schieben, den Gürtel öffnen und die Hose bis zur Leistenbeuge ziehen“, wiederhole ich die übliche Anweisung heute schon zum x-ten Mal und harre der Dinge, die da kommen. Dann taste ich und staune. Ich fühle einen harten, runden Bauch, der bis oberhalb des Nabels reicht.
„Wann war die letzte Regel?“
„Vor zwei Wochen.“
Ich staune weiter. Im Bauch sind ganz leise, schnelle Herztöne zu hören. Nun tritt jemand von innen gegen mein Stethoskop. Sehr vorsichtig versuche ich, die frohe Botschaft zu überbringen: „Ich nehme an, dass Sie schwanger sind.“
„Na so ein Mist, das kann ich überhaupt nicht gebrauchen!“ empört sich die Frau.
„Haben Sie nicht bemerkt, dass jemand von innen gegen Ihren Bauch tritt?“
„Nö, habe ich nicht gemerkt. Und Kinder will ich sowieso nicht haben.“
„Diese Überlegung kommt etwas spät“, entschlüpft mir.
„Na wenn schon, dann lasse ich es wegmachen.“
„Der Termin dafür dürfte schon verstrichen sein“, gebe ich zu bedenken. Vermutlich ist sie schon in der vierundzwanzigsten Schwangerschaftswoche – aber damit halte ich mich lieber zurück und empfehle ihr dringend, einen Frauenarzt aufzusuchen.
„Dazu habe ich erst recht keine Lust!“
Als sie mir wieder angezogen gegenübersitzt, frage ich, wie es ihr im Moment geht.
„Mir ist immer noch übel. Kein Wunder, wenn Sie mir dermaßen auf dem Bauch rumdrücken.“
„Es geht Ihnen also nicht so, dass Sie sich am liebsten von der nächsten Brücke stürzen würden?“, werde ich konkreter.
„Ach Quatsch, das würde ich niemals machen. Und wenn es schon zu spät ist, dann gebe ich's sowieso weg.“
Allmählich überkommt mich das Gefühl, dass mir dieses Gespräch mehr zu schaffen macht als der Patientin. Ein Stein liegt auf meiner Brust und innendrin breitet sich Leere und Hilflosigkeit aus.
„Möchten Sie vielleicht eine Sozialhelferin in Anspruch nehmen und mit ihr gemeinsam das Problem besprechen?“
„Auf keinen Fall! Ich kann es nicht gebrauchen, dass mir noch eine reinquatscht. Zuerst muss ich mit meinem Freund darüber reden. Und dann muss ich zum Amt – ich mache nämlich gerade meinen Schulabschluss nach. Na ja, die Ausbildung im Anschluss kann ich mir dann wohl schenken.“
„Wieso denn das?“, will ich wissen.
„Na weil man da sofort rausfliegt, wenn man schwanger ist.“
„Das dürfen die doch gar nicht machen“, behaupte ich, „schließlich hat man die Schwangerschaft im Bauch und nicht im Kopf. Denken können Sie doch auch im schwangeren Zustand.“
„Nein, nein, ich weiß schon, wie das läuft! Ich war schon zweimal ungewollt schwanger.“
Jetzt haut es mich restlos um. „Wie war das damals?“
„Das erste Mal im zehnten Monat, da ging es noch mit Wegmachen. Das zweite Mal war ich im zwölften. Und weil ich vorher krank war und es deshalb sowieso nicht gegangen wäre, durfte ich es auch wegmachen. Also mir braucht keiner mit Beratung zu kommen. Ich will keine Kinder und Punkt.“
Mit einer Überweisung zum Frauenarzt, einem Durchfall-Diätplan und einem Krankenschein verlässt sie das Sprechzimmer.
Ich könnte jetzt dringend eine Auszeit gebrauchen. Doch das Wartezimmer ist brechend voll.

Die nächsten Bauchschmerzen sind männlich, aber vermutlich auch kein Magen-Darm-Infekt. Ich halte sie für eine Blinddarmreizung – allerdings so leicht, dass der Mann heute weder operiert werden noch ins Krankenhaus muss. Mit guten Ratschlägen wie „liegen, kühlen und nichts essen“ schicke ich den Mann nach Hause. Morgen werde ich mir seinen Bauch noch einmal ansehen – denn das Leben ist voller Überraschungen.



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