LESESEITE FÜR KINDER UND HELLE ERWACHSENE
Basil
Jonas hat den Praktikumsplatz bekommen. Ein Jahr New York!
Seine Mutter freute sich und war zugleich traurig, dass ihr großer Junge das heimische Nest verlässt und in die Welt hinauszieht.
Der Vater dachte über die eigene Jugend nach und erzählte, er habe als Schüler ein Gedicht geschrieben: „Die Ratten von New York“.
„Was ist denn das für ein Blödsinn?“, Jonas fühlte sich veralbert.
„Im Ernst“, widersprach der Vater, „das hat in der Schule sogar an der Wandzeitung gehangen.“
„Was? Ein Gedicht über New York?“
„Ja. Es handelte von der Gier der Ratten, die alles unterhöhlt – und so die Welt am Ende in den Abgrund stürzt – also eine Metapher für den Kapitalismus. Das durfte an die Wandzeitung. Na ja, aber ganz doof war das Gedicht auch nicht. Ich suche mal, irgendwo muss es noch sein.“
Der Vater wühlte in Kisten, Kästen, Schubladen und auf dem Dachboden. Das Rattengedicht war unauffindbar. Jonas konnte es verschmerzen.
New York überwältigte ihn. Niemals schlief die Stadt, sie war ständig in Bewegung, überall Menschen, Musik, Presslufthämmer und Autolärm. Selbst mitten in der Nacht jaulten die Sirenen der Rettungswagen.
Bereits am ersten Abend fiel es ihm auf: Nach Feierabend wurde der Abfall aus den Läden und Bistros in großen, schwarzen Säcken an den Straßenrand geworfen. Wenn das mal kein Ungeziefer anlockt, dachte Jonas. Doch in der Nacht sammelten Müllautos alles von den Bordsteinkanten ein, am Morgen sah es blitzsauber aus.
Überall in der Stadt waren Parks - große wie eine Oase inmitten des Häusermeers und klitzekleine in der sonst zubetonierten Gegend. Gab es eine Lücke zwischen zwei Häusern, wurden dort zwei Bänke und ein Blumenkübel hingestellt - und davor ein Zaun gezogen. Daran prangte ein Schild: Geöffnet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Als Jonas an den Fassaden der älteren Häuser die unzähligen Feuerleitern entdeckte, die von unten bis zum Dach reichten, fiel ihm wieder das Gedicht seines Vaters ein. Die Leitern waren zwar als Fluchtweg gedacht, könnten aber ebenso Mensch und Tier als Einstieg dienen.
Er selbst war in Manhattan untergebracht. Mit acht weiteren Praktikanten teilte er sich eine Fünfzimmerwohnung. Bis zum Büro waren es fünfzehn Minuten zu Fuß, und zwei Straßen weiter war die Wallstreet. In dieser Gegend war alles glatt und edel.
Sie wohnten in der 12. Etage, so war vor ihren Fenstern außer Häuserschlucht auch Himmel zu sehen.
Der Aufzug mutete an wie aus einem alten Film: ein großer Metallkäfig, dessen Eingangstür sich beim Öffnen zusammenfaltete – auf den ersten Blick wenig vertrauenserweckend.
Der Blick vom Geländer des ebenfalls altehrwürdigen Treppenhauses war schwindelerregend – also Laufen keine gute Alternative.
Gemeinsam mit Philipp und Oliver bezog Jonas das größte und hellste Zimmer. Nachmittags schien die Sonne herein, und in der Ferne glitzerte der East River.
Jonas schlief in der oberen Etage des Doppelstockbetts direkt an der Wand zur Küche. In der Nacht, wenn alles still war, glaubte er, nebenan ein Knistern und Scharren zu hören. Weil er nicht als Angsthase gelten wollte, schwieg er über seine Beobachtung. Als dann aber Philipp die angefressene Pasta entdeckte, verdichtete sich die Vermutung, noch einen weiteren Mitbewohner zu haben. Und dieser tat sich gütlich an Reis, Nudeln, Obst und allem, was ihm schmeckte. Zu Philipps Verdruss bevorzugte er seine Lieblingspasta mit Spinat, die banale aus dem Discounter hatte er verschmäht. Selbst Pappschachteln und stabile Tüten waren angenagt und zerrissen. Es musste ein Tier sein, zudem ein großes, kräftiges - vermutlich eine Ratte. Sie nannten sie Basil.
Und stellten Klebefallen auf. Doch Basil war schlau genug, die Fallen zu umgehen. Er bediente sich weiter hemmungslos an den Vorräten.
Eines Abends saßen alle gemütlich im Wohnzimmer, welches sich ohne Trennwand an die Küche anschloss, und hörten lautes Wühlen, Knabbern und Knuspern. Philipp sprang auf und wackelte wütend am Vorratsregal. Plötzlich huschte eine fette Ratte über den Fußboden. Blitzschnell schnappte sich Philipp die große Salatschüssel von der Küchentheke und stülpte sie über das Tier. Es war gefangen. Lediglich die Schwanzspitze ragte heraus, auf dem Boden Rattenblut.
Es entbrannte eine heftige Debatte, was mit dem Gefangenen zu tun sei. Zu drastischen Maßnahmen wie Ertränken in der Badewanne, Erstechen mit dem Küchenmesser oder das Tier aus dem Fenster werfen, fehlte der Gruppe der Mut. Eigentlich tat ihnen die Ratte leid, sie hatte schließlich einen Namen. Die Mädchen wandten ein, vielleicht ist es ja eine Rättin, gar eine alleinerziehende Mutter, die mit den gestohlenen Lebensmitteln ihre Kinder durchbringen muss.
Letztendlich schob Oliver ein großes Brett unter das eingesperrte Tier und fuhr mit Philipp und der Ratte in der Schüssel im Lift nach unten. Später werden sie behaupten, sie wären bis zur nächsten Straßenecke gelaufen, bevor sie Basil freigelassen hätten.
Zwei Wochen dauerte es, bis die Ratte wieder da war. Oliver meinte, an deren Schwanz fehle die Spitze - es sei ganz sicher Basil.
Dennoch wurden sämtliche Überlegungen, die Ratte zu vertreiben oder sogar zu töten, von der Agenda genommen. Ab sofort bewahrten sie die Lebensmittel nur noch im Kühlschrank auf, und was sich nicht dafür eignete, wurde in Blechbüchsen gesteckt. Und irgendwann war die Ratte verschwunden, weil das arme Tier nichts Essbares mehr finden konnte.
Als am Abend das Knuspern ausblieb und es ganz still war, schlug eines der Mädchen vor, im Gedenken an Basil ein Gedicht oder gar ein Lied zu schreiben: Die Ratte von New York.
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