ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

Foto: Andreas Dietrich

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EINE GESCHICHTE - EIN MOMENT



Vom Ende her gedacht


Auslassungen über Esskultur füllen in Bibliotheken viele Regalmeter, Kochbücher mit Speisen aus den verschiedensten Ländern sind in reicher Auswahl in allen Buchhandlungen zu erhalten. Doch welche Weisheiten werden über die Speisen am Ende ihres Weges verkündet? Gut, digital sind diverse Toilettenführer verfügbar, die das Leben des Bedürftigen im Notfall merklich erleichtern können. Aber gibt es Klo-Michelin-Sterne?
Bei der Netzrecherche lasse ich mich aufklären, es sei ein weit verbreiteter Irrtum, bei der Vergabe dieser Sterne werde die Gesamtsituation des Restaurants bewertet. Nein! Bewertungskriterien sind Qualität und Frische der Zutaten, ihre fachgerechte Zubereitung, die geschmackliche Harmonie, Innovation und Einzigartigkeit der Gerichte, die Kreativität und die persönliche Note. Ambiente und Service des Restaurants fließen nicht in die Bewertung ein, ebenso ist der Zustand der Toiletten völlig unerheblich.

Also reden wir einmal über Klos.
Voller Grausen erinnere ich mich an die Campingplatztoiletten meiner Jugendzeit. Absoluter Spitzenreiter waren die bulgarischen, rumänischen und russischen Hock-Klos, deren Trittflächen oft nicht mehr zu betreten waren.
Doch hat in der Zwischenzeit die Integration des Ostens in die Kultur des Westens zu einem Qualitätssprung vom Niederen zum Höheren geführt? Zugegeben, das Klopapier ist, soweit vorhanden, nicht mehr Schmirgelpapier gleich. Jedoch lässt auch über fünfunddreißig Jahre nach Beginn der Verwestlichung der Zustand öffentlicher Toiletten in den meisten Fällen stark zu wünschen übrig. Führend auf der Ekelskala sind die Unisex-WCs deutscher Autobahnen, die die Bedürftigen nicht mehr zwingen, sich für eine Männchen- oder Weibchen-Toilette zu entscheiden. Sie garantieren allen Geschlechtern gleichermaßen, sich an stinkenden und bepinkelten Klosetts entleeren zu dürfen. Das Irre ist, dass der Verwahrlosungsgrad dieser Bedürfnisanstalten von Ost nach West zunimmt, also konträr zum ursprünglich geplanten Missionierungsvorhaben.
Dennoch lebt Deutschland weiterhin in der Illusion, eine Kulturnation zu sein.

Sollte in seltenen Fällen Servicepersonal an einem Ab-Ort anwesend sein, ist es akribisch darauf bedacht, am Eingang darüber zu wachen, dass jeder sein Eintrittsgeld entrichtet. Geschieht das Unerwartete und das Etablissement wird irgendwann einmal gereinigt, ist es währenddessen geschlossen. Ein In-Bedrängnis-Geratener, der in dieser Situation auf Eile drängt, wird unwirsch auf die geänderten Öffnungszeiten der Bedürfnisanstalt hingewiesen.

So geschult betrat ich, schon eine Entschuldigung wegen meines unverfrorenen Anliegens auf den Lippen, ein solches Häuschen auf Coney Island. Die freundliche Frau unterbrach ihr Putzen und ließ mich lächelnd ein. Während ich mich erleichterte, hörte ich sie nebenan laut und fröhlich singen. Die Benutzung dieser öffentlichen Anstalt war inclusive Kulturprogramm kostenlos, wie nahezu überall in New York, und blitzsauber.

Auch ist mir die einfühlsame Klofrau in einem schottischen Küstenort in Erinnerung geblieben, die sich soeben anschickte, bereits in ihren zivilen Sachen und bepackt mit Einkaufstaschen, in den Feierabend zu entschwinden. Ohne Frage setzte sie ihr Gepäck ab und schloss noch einmal das frisch gereinigte Toilettenhäuschen auf. So viel Selbstlosigkeit erfreute mir das Herz und das Gedärm.

An ein besonders nettes, stilles Örtchen in Florenz habe ich mich noch nach Jahren erinnert und es wiedergefunden, unweit der Ponte Vecchio ist es auf jeden Fall einen Besuch wert.

Leuchtender Stern am Himmel der Toilettenkultur ist Japan – selbstverständlich gebührenfrei. Völlig ohne Bedenken kann man sich auf jeder Klobrille niederlassen. Wer dennoch argwöhnisch ist, findet in der Kabine Desinfektionstücher. Und wenn man dann so entspannt sitzt, wird es richtig gemütlich, der Sitz ist beheizt. Und das nicht etwa in einem Luxushotel, sondern auf einer ganz normalen öffentlichen Toilette. Papier ist grundsätzlich immer vorhanden, denn die Japaner denken mit: So werden Verstopfungen durch die Nutzung anderer Hilfsmittel verhindert. In manchen Kabinen ertönt, nachdem die Tür von innen verriegelt wurde, Vogelgezwitscher oder das Rauschen eines Wasserfalls, sodass durch die Geräuschkulisse das peinliches Ächzen und Stöhnen von nebenan nicht zu hören ist. Außerdem verfügt fast jede Toilette über ein eingebautes Bidet. Auf Knopfdruck wird es ausgefahren, und je nach Wunsch, ob Männlein oder Weiblein, kann zwischen Ein- oder Zweistrahldusche gewählt werden. Mag man dabei nicht auf der Brille hin- und herrutschen, kann man durch Bedienung eines an der Wand befindlichen Displays den Wasserstrahl nach vorn und nach hinten verschieben. Nach Beendigung des Geschäfts ist ebenda die große oder kleine Spülung zu wählen. Vergisst das der zerstreute Stuhlgänger, setzt die Spülung beim Verlassen der Kabine automatisch ein. Einmal konnte ich einen Toilettenmann bei der Arbeit beobachten: Liebevoll kniete er vor der Schüssel und polierte sie inbrünstig.

Und dann, nach zwei Wochen Japanurlaub, wieder die erste Sanitäreinrichtung am Frankfurter Flughafen – es war ein Kulturschock!



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