EINE GESCHICHTE - EIN MOMENT
Alles digital
Elvira braucht einen neuen Ausweis. Eigentlich braucht sie ihn nicht, denn sie hat ja einen. Doch es scheint unabänderlich: Die neuen Charakterlinien, die ihr die Zeit ins Gesicht geschrieben hat, sind alle zehn Jahre behördlich zu dokumentieren. Da kann man nichts machen. Vorschrift ist Vorschrift.
Dass ihr jetziger Ausweis bereits ein halbes Jahr das aufgedruckte Verfallsdatum überschritten hatte, war weder ihr noch der Autovermietung noch sonst irgendjemandem aufgefallen. Es ist wie mit dem Joghurt im Kühlschrank: Solange man das Ablaufdatum nicht gesehen hat, schmeckt er. Doch die Argusaugen einer Bankangestellten haben das Versäumnis ans Licht gebracht.
Also auf zur Stadtverwaltung. Aber gemach, gemach. Jeder Verwaltungsakt erfordert einen Termin. Der kann glücklicherweise am Computer oder per Handy vereinbart werden. Der Vorteil, außer die Wohnung nicht verlassen zu müssen, besteht darin, dass niemand den entsetzten Ausruf hört: Was? Erst in acht Wochen? Und ein weiterer Aspekt erweist sich als nützlich: Elvira erfährt auf diesem Wege, sie muss nicht extra zum Fotografen; das Ausweisbild kann man neuerdings direkt bei der Behörde schießen.
Acht Wochen später sitzt sie auf einer der Wartebänke im Amt. Den Zettel mit der Bearbeitungsnummer, die ihr bei der Anmeldung zugeteilt worden war, hat sie in der Tasche, altmodisch ausgedruckt, dass ihr die Zahl um Himmels Willen nicht entfällt. Diese, den angemeldeten Bürgern amtlich zugeteilten Nummern, werden wie die Abflugzeiten am Flughafen auf einer elektronischen Informationstafel angezeigt – so kann jeder ersehen, wann er an welchem Schalter bearbeitet wird. Allerdings befindet sich hier diese Tafel in einer dunklen Ecke des Raumes, und jedes Mal, wenn die Nummer in der Anzeige mit einem klappenden Ton wechselt, muss Elvira hinlaufen, um sie entziffern zu können.
Doch es wird wohl noch dauern bis sie an der Reihe ist, denn sie hat reichlich Zeit vor ihrem eigentlichen Termin eingeplant, um sich in aller Ruhe ablichten zu lassen. Sie wird argwöhnisch von den in einer Warteschlange harrenden Menschen beäugt, an denen sie vorbeischleicht, um herauszufinden, wo die Fotostation sein mag. Das einzig auffällige Objekt ist ein großer Monitor hinter einer Glasscheibe, sie inspiziert ihn vorsichtig. Durch eine leichte Berührung wird er plötzlich zum Leben erweckt. Wie vermutlich hunderte vor ihr, tatscht sie darauf herum und kann dem Bildschirm Anweisungen entlocken, die erfreulich selbsterklärend und logisch sind. Sie klickt sich durch: Name, Geburtsdatum, Anschrift. Beim Ablaufpunkt Foto besteht sogar die Möglichkeit, bei einem missglückten Bild das Experiment zu wiederholen; das bedeutet hier: wenn es nicht dokumententauglich ist – aber es funktioniert auch dann, wenn es einem selbst nicht gefällt. Dasselbe gilt für die Unterschrift, die auf solch einer digitalen Schreibfläche niemals der gleicht, die man mit einem Stift aufs Papier brächte. Nachdem sie erfolgreich elektronisch ihr neues Dokument vorbereitet hat, hockt sich Elvira wieder auf eine der Wartebänke.
Ein Stück neben ihr nimmt eine Grauhaarige Platz, die ihren Enkel mitgebracht hat, ein munteres Bürschchen, das die Langeweile peitscht. Er nimmt Anlauf, springt mit einem Satz auf die Holzbank, mit dem zweiten bis auf das Fensterbrett, das in diesem altehrwürdigen Gemäuer zum Landen breit genug ist. Dieses Spielchen wird unaufhörlich wiederholt, und jedes Mal, wenn er auf die Holzbank tritt, poltert es ohrenbetäubend. Die Oma stört weder der Lärm noch der Dreck, der sich aus dem Profil seiner Schuhe auf der Sitzfläche verteilt.
Eine weitere Frau betritt die Wartezone. Die erkennt Elvira, steuert schnurstracks auf sie zu, setzt sich daneben und freut sich, jemanden zum Plaudern gefunden zu haben. Elvira erkundigt sich, ob sie denn ihr Foto schon gemacht hat. Die Frau errötet ein wenig und gesteht, dass sie mit Computern und solchem Zeugs auf Kriegsfuß steht. Da die Warterei ohnehin langweilig ist und ihr außerdem das Gehüpfe des Jungen auf die Nerven geht, bietet Elvira ihre Hilfe an. Beide gehen zum Monitor, und Elvira begleitet die Frau beim Durchklicken durch den Dokumentationsablauf. Das vierte Foto wählen sie letztendlich aus, und nach einigen Versuchen ist auch die Unterschrift gelungen.
Schon geraume Zeit stand direkt neben der Glasscheibe, die eigentlich die Diskretionslinie markieren soll, eine Frau, die sich auf ihren Gehstock stützt. Ohne Umschweife fragte sie Elvira, ob sie ihr ebenso behilflich sein könnte, so was mit der modernen Technik sind für sie böhmische Dörfer.
Kaum ist deren Ausweisbearbeitung beendet, wartet schon die nächste alte Dame und bittet um Hilfe.
Als endlich Elvira wieder auf der Wartebank Platz nimmt, sind die Frau mit dem Enkel und die Bekannte, die neben ihr Platz genommen hatte, bereits verschwunden. Elvira schaut zur Anzeigetafel. Wie es scheint, wurde ihre Nummer noch immer nicht aufgerufen. Nach einer weiteren Stunde – die Wartezone hatte sich auffällig geleert – fragt sie nach, gleichwohl sie nicht als Querulant gelten will, wann sie denn an der Reihe wäre. Der Beamte hinter dem Schalter will Elviras Nummer wissen, tippt auf seiner Tastatur herum, beugt sich vor zum Bildschirm und macht ein finsteres Gesicht: „Gute Frau, Sie waren längst dran! Tut mir leid, das wird heute nichts mehr. Wenn Sie das nächste Mal einen Termin haben, sollten sie pünktlich kommen. Über die Homepage unserer Behörde können Sie sich gern einen neuen Termin eintragen lassen.“
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