ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES - FUNDUS


Anglerlatein

07.05.2021


Das letzte Mal angeln war ich mit zwölf. Unsere Angelruten waren Haselstöcke, an die wir die Sehne angeknotet hatten. An deren Ende baumelte der Haken, an dem wir aufgespießte Regenwürmer im See badeten. Oft waren die Würmer einfach verschwunden. Entweder hatten sie sich unbemerkt von dannen gemacht oder ein Fisch hatte sie heimlich abgeknabberte, ohne dass wir es bemerkt hatten. Unsere Fangerfolge waren dementsprechend bescheiden, dennoch ungeheuer schmackhaft. Das Grätenklauben während des Abendessens machte niemandem etwas aus, denn die Fische aus dem Mecklenburger See waren frisch und unbelastet.

Niemals jedoch wäre jemand auf die Idee gekommen, einen Fisch aus der Elbe, geschweige denn aus der Saale zu essen. Und auch jetzt, da die Flüsse seit vielen Jahren wieder richtiges Wasser und keine chemische Lösung mehr führen, würde mich nichts auf der Welt locken, einen dieser Flussfische zu verspeisen. Man weiß nie, was die Tiere beim Gründeln alles aufwühlen. Manch passionierter Angler sieht das allerdings völlig leidenschaftslos. Stundenlang hocken sie lauernd mit ihren Klappstühlchen am Flussufer.

Einer derer lag jetzt auf meiner Liege, mit dem Gesicht nach unten. Sein Impfstatus war überprüft, sein Gesäßbefund bereits dokumentiert, und das war kein schöner Anblick. Mitte auf der Rundung der Pobacke steckte der Angelhaken, der eigentlich mit großem Schwung über den Fluss hatte fliegen sollen. Startgehemmt. Die Frage, wer oder was da vorher am Haken war, ließ die Situation keinesfalls entspannter erscheinen. Was tun? Das Ding wieder zurückziehen geht nicht, liegt in der Natur eines Angelhakens, das Opfer soll festhängen. Durchziehen geht auch nicht, weil sich das Ende zu einer kantigen Öse zum Befestigen der Angelsehne verdickt. Bleibt nur, den Haken zu durchtrennen. Und wie? In der Praxis gibt es höchstens Nagelzangen. Die hätten zum einen nicht genug Biss, zum anderen wäre das Instrument danach nicht mehr zu gebrauchen. Der kleinchirurgische Eingriff wird mit 6,26 € vergütet, die Eckenzange kostet ein Vielfaches. Ist es ethisch, solche Überlegungen anzustellen? Soll sich der Patient mit einer Überweisung und dem Angelhaken im Hintern in das nächste, ins chirurgische, Wartezimmer „setzen“? Das Hausfrauendenken in mir entschied sich für die Kombizange aus dem Werkzeugkasten: Haken durchtrennt, und schwupps war er draußen. Tatsächlich war die Verletzung nach kühlenden, feuchten, desinfizierenden Verbänden nach einigen Tagen vollständig verheilt, nur eine kleine rosa Narbe erinnerte noch an die missglückte Jagd auf einen Flussfisch. Nur beim FKK muss sich der Angler vielleicht dumme Fragen gefallen lassen.



06.02.2021

Jogginghosen

Der Herbst hat begonnen, es ist regnerisch und windig. Wenn ich die Praxis verlasse, ist es oft schon dunkel. Unwiderruflich ist für dieses Jahr die Zeit des Schwimmens im See vorbei. Schade. Es ist nicht nur die sportliche Betätigung, die ich genieße, es ist die Atmosphäre am See, die Stille, und es sind die Vögel und die Fische, mit denen ich mir diesen Ort teile. 

Spätestens im Frühjahr fällt mir auf, dass ich eine lahme Ente geworden bin. Die Schwimmhalle einmal in der Woche ist kein angemessener Ersatz. Es ist dort laut und hektisch, oder rücksichtlose Bahnenschwimmer mit Kappe und Brille erzwingen sich ihr Terrain.

Man könnte laufen. Doch bis jetzt war dies für mich eine der ödesten Sportarten überhaupt, dumpfes Vorwärtstrampeln. Was allerdings dafür spricht, ist der minimale Aufwand. Ich habe es schnaufend versucht. Und als der Herbst vorbei war, bin ich weiter gelaufen. Je nachdem, wo ich entlang trabte, traf ich Rehe, Waschbären, Schwäne, Hasen, und ich begann, es zu genießen.

Als es Dezember wurde, musste ich feststellen, dass meine Gymnastikklamotten nicht so richtig witterungskonform waren. Bei meinen Recherchen im Internet, zu einer Reise zum Sportgeschäft konnte ich mich nicht durchringen, kam ich zu der Erkenntnis, dass man den Kauf einer Jogginghose höchst wissenschaftlich angehen kann. Bis jetzt hatte ich einfach meine Sporthose angezogen und war losgerannt. Wie banal. Da ich keinen Marathon absolvieren, sondern mich einfach nur bewegen wollte, war mir die Multifunktionalität irgendwelcher Superhosen ziemlich schnuppe. Bewertungen zu verschiedenen Kleidungsstücken ließen mich jedoch ahnen, dass man diesen Kauf nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. So redete ich in meiner Einfalt seit Jahren meinen Patienten ein, man könne doch nach der Arbeit einfach zwanzig Minuten laufen. Argumente wie „keine Zeit, zu dunkel, zu gefährlich, zu einsam“ versuchte ich zu entkräften, nichtsahnend, dass das eigentliche Problem mit der Auswahl der Hose beginnt.

Dann endlich stieß ich auf das für mich passende Modell, las die Bewertung von Mandy: „Super flauschige Hose, mit der man im Winter auch mal rausgehen kann, wenn man schnell mit der Joggi nur zum Bäcker will.“ Sofort fielen mir die jungen Männer ein, die in der Jogginghose in die Praxis kommen. Regelmäßig wundere ich mich darüber, was ganz normale, freundliche Menschen dazu bewegt, in diesem Schlumpi-Aufzug zum Arzt zu gehen. Kürzlich stieß ich auf ein Zitat von Karl Lagerfeld: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Da ich mit der meinigen zwar nicht zum Bäcker, sondern in den Wald gehen wollte, habe ich mich dennoch für jenes von Mandy favorisierte Modell entschieden.

Gestern nun lief ich gemeinsam mit meiner nicht-multifunktionalen Hose aus dem Online-Versand am Feldrain entlang. Schon von weitem sah ich eine Silhouette im dynamisch, locker federnden Laufstil auf mich zukommen. Solche Begegnungen beschämen mich ein wenig, weil sie mir jedes Mal auf schmerzliche Weise zeigen, dass ich am ehesten zur Sorte der bleiernen Lauf-Enten gehöre. Als der dynamische Läufer näher kam, erkannte ich zu allem Übel, dass es einer meiner Patienten war. Jetzt dürfte er achtundsiebzig sein, vor schätzungsweise zehn Jahren hatte ich ihm zu mehr Bewegung geraten. Damals war er besorgt, ob das seinem alten Herzen auch nicht schaden würde. Später hat er mir stolz berichtet, dass er zwei- bis dreimal pro Woche einige Kilometer liefe und seitdem keine Herzbeschwerden mehr habe.

Ich guckte ein bisschen nach unten, hatte zuvor meine Mütze tiefer ins Gesicht gezogen, und hoffte, er würde mich nicht erkennen. Schon war er an mir vorbeigelaufen. Doch dann hielten die Schritte hinter mir inne. Er rief: "Guten Tag, Frau Doktor! Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht gleich gegrüßt habe, ich war so in Gedanken." Ich drehte mich um, lächelte, und er riss zum Gruße noch einmal die Arme nach oben, bevor er seine Weg fortsetzte.

Jetzt ist die Ente entlarvt. Vermutlich ist ihm mein lahmes Gewatschel überhaupt nicht aufgefallen. Ein Trost bleibt mir: Nicht alle Ratschläge treffen auf taube Ohren. Er wäre vielleicht auch ohne diese gelaufen. Doch ich lasse mir die lllusion, etwas bewirkt zu haben. Bei einem von hundert. 


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